Interview: „Hausrettung“ in Regensburg

+++ Ticker: Am Vormittag des 5. August wurde das besetzte Haus von der Polizei geräumt. +++

Steigende Mieten, immer mehr Obdachlosigkeit und Verdrängungsprozesse sind in fast allen deutschen Städten trauriger Alltag. Und das, obwohl gleichzeitig bundesweit tausende Häuser zum Teil seit Jahrzehnten unbelebt verwahrlosen. In Regensburg haben sich linke Aktivist*innen dem Problem angenommen – und ein leerstehendes Haus kurzerhand besetzt. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Hallo, ihr habt dieses Haus heute besetzt. Ihr selbst nennt euch nicht Besetzer sondern „Hausretter*innen“. Warum?

Es geht uns nicht darum, dass Häuser besetzt werden, sondern dass Häuser gerettet werden. Ähnlich wie beim „Containern“ (Verwertung weggeworfener Lebensmittel), verhält es sich auch mit den Häusern. Häuser, die leer stehen, verfallen. Dieses Haus hier ist seit ca. 20 Jahren leerstehend und wird nicht genutzt. Wir wollen es wieder einer sinnvollen Nutzung zuführen. Das nennen wir Haus retten. Retten führt es dem Zweck zu, dem es eigentlich dienen sollte – Wohnraum für Menschen bieten.

Warum habt ihr genau dieses Haus ausgewählt?

Ich würde sagen, da gibt es gar keinen spezifischen Grund, außer, dass uns das Haus gut gefällt. In Regensburg gibt es über 50 leerstehende Häuser. Von denen hätte es fast jedes sein können. Ein wichtiger Grund war natürlich, dass dieses Haus schon offen war. Das hat es für uns natürlich einfacher gemacht.

In eurer Stellungnahme redet ihr von „Mietwahnsinn“ und „steigender Wohnungsnot“ in Regensburg. Wie macht sich das in der letzten Zeit bemerkbar?

Die Mieten in den meisten größeren Städten in Deutschland steigen, nicht nur in Regensburg. Der Grund dafür ist, dass von der Stadt keine soziale Wohnpolitik betrieben wird. Es werden kaum Sozialwohnungen gebaut. Dass einiges falsch läuft in dieser Stadt, sieht man auch an der Korruptionsaffäre um den ehemaligen Oberbürgermeister Wolbergs. Außerdem werden auf freien Flächen neue Hotels gebaut, anstatt Wohnraum für die Bevölkerung zu schaffen. Je mehr Menschen Wohnungen suchen, desto teurer wird das natürlich für den Einzelnen. Die Leute können es sich ja auch nicht aussuchen, ob sie eine billige Wohnung haben können oder nicht. Billige Studentenwohnungen, wie zum Beispiel am Ernst-Reuther-Platz, verschwinden einfach. Jede*r braucht Wohnraum und die Leute bezahlen dann eben deutlich mehr. Es gibt ja keine Alternative. Aus Sicht der Investoren besteht auch Interesse daran, dass die Mieten steigen. Man kann damit ja Gewinn machen. Solange Menschen da sind, die die Preise bezahlen können, steigen auch die Mieten.

Und die leerstehenden Häuser haben auch Einfluss auf die steigenden Mieten?

Es für uns ein Skandal, dass einerseits ein unglaublicher Wohnungsmangel herrscht, die Menschen suchen in Regensburg oft verzweifelt nach Wohnungen, und es andererseits einen äußerst hohen Leerstand gibt. Und die Stadtverwaltung akzeptiert das nicht nur, sondern wehrt sich auch gegen z.B. eine so genannte Zweckentfremdungssatzung. Mit so einer Satzung könnte bereits für Leerstände von länger als drei Monaten ein Bußgeld verhängt werden. Die Stadtverwaltung hat bisher immer davon abgeraten so eine Regelung einzuführen. Leerstand wird in der Stadt somit nicht bekämpft. Der Leerstand ist natürlich auch oft spekulativer Leerstand. Die Häuser werden entmietet und stehen dann oft Jahrzehnte lang leer. In dieser Zeit steigt meist die durchschnittliche Miete in der Stadt und damit auch der Wert des Hauses. Dann wird es teuer weiterverkauft. Hinzu kommt, dass Regensburg ein Wohnraummangelgebiet ist.

In Bayern gab es in den letzten Jahren mehrere Versuche, Häuser zu besetzen. Die meisten Besetzungen wurden innerhalb von kurzer Zeit von der Polizei geräumt. Wie schätzt ihr die Lage hier ein?

Wir gehen auf jeden Fall davon aus, dass wir Polizeiaufmerksamkeit bekommen. Die Frage ist wann. Wir hoffen natürlich, dass wir möglichst lange hier bleiben können. Natürlich haben wir uns auch schon überlegt, wie wir Vorgehen, wenn die Polizei uns räumen will. Wir haben uns dafür entschieden keine Gewalt auszuüben, das ist für uns ganz wichtig. Diese Aktion soll ein Zeichen setzen für die sinnvolle Nutzung von Wohnraum. Auch wenn wir geräumt werden, das Zeichen  ist trotzdem gesetzt.

Und für den Zeitraum, bis die Polizei kommt, habt ihr da noch konkrete Dinge geplant?

Wir laden morgen zu einem Gartenfest ein, um Nachbarn und Interessierte über die Aktion zu informieren. Wir wollen zeigen, dass es sinnvoll ist was wir hier machen. Das Ganze soll so offen wie möglich bleiben, wir werden das Haus nicht verbarrikadieren. Wir wollen mit den Menschen morgen gemeinsam feiern, dass wir hier in diesem Haus sind. Bis eben die Polizei kommt – oder auch nicht.
Wir gehen auch davon aus, dass es in der Öffentlichkeit positiv aufgenommen wird. Die meisten Regensburger*innen finden die Wohnpolitik der Stadt nicht besonders gut. Auch nach dem Korruptionsskandal um Wolbergs ist nichts passiert. Die Wohnpolitik läuft genauso weiter wie zuvor. Andere Politiker machen die gleichen Deals mit Bauträgern, die bereits in den Korruptionsfall verwickelt waren. Es ist unglaublich, dass das so läuft. Wir wollen hiermit ein Zeichen setzen. Wir hoffen, dass wir dadurch etwas Bewegung in die Sachen bringen. Mal sehen wie die PolizeibeamtInnen reagieren – auch die brauchen Wohnungen. Unsere Hoffnung ist natürlich, dass unser Haus nicht morgen geräumt wird. Wir wollen hier länger bleiben, nicht nur einige Wochen.

Wie stellt ihr euch, als „Hausretter*innen“ die Zukunft des Projektes vor? Ist das Haus offen für alle?

Wir wollen, dass Wohnraum für Wohnen genutzt wird und nicht um Profite zu machen. Dieses Haus wollen wir aber auch sozial und kulturell nutzen. Im Garten gibt es noch eine zugewachsene Laube, da könnte man eine kleine Bühne draus machen. Das ist aber noch alles offen. Das entscheiden die Menschen, die hier leben werden. Wir werden jeden Abend ein Plenum abhalten und besprechen, was so ansteht und dann Entscheidungen treffen. Das Haus ist auf jeden Fall offen für alle. Jede*r kann kommen, mitorganisieren und natürlich auch hier wohnen. Hier ist noch Platz für mindestens zehn weitere Menschen!

Interview: Florian Meier

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s