Anti-G20-Demo in Rosenheim

 

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Gemeinsam mit anderen Organisationen will die Jugendgruppe Rose – Demokratische Jugendbewegung im Voralpenland am Sonntag die Rosenheimer Straßen aufmischen. Grund ist der G20-Gipfel in Hamburg. musco hat sich mit den Jugendlichen an einen Tisch gesetzt, um zu verstehen, was sie antreibt.

musco: In rund einer Woche findet in Hamburg der G20-Gipfel statt, die Vertreter*innen von 20 Staaten, die sich als Elite der Welt inszenieren, treffen sich in der Hansestadt – ihr demonstriert in Rosenheim. Warum?

Rose: Viele Menschen aus Rosenheim können nicht zu den Gipfelprotesten fahren, weil das Geld fehlt, sie arbeiten müssen, oder zur Schule gehen. Oder einfach weil sie Angst vor Polizeigewalt haben. Deshalb haben wir uns gedacht: Lasst uns auch hier eine Demo machen. Wir sind froh, dass wir so viel Unterstützung bekommen, von der Grünen Jugend zum Beispiel oder von diversen linken Gruppen und der Linkspartei.

musco: Aber die, die sich bei G20 treffen, bekommen das doch gar nicht mit, wenn ihr schon einige Tage vor dem Gipfel demonstriert, und dann auch noch 800 Kilometer weit entfernt?

Rose: Was die davon mitbekommen interessiert uns nicht sonderlich, wir erwarten uns nichts von irgendwelchen Politiker*innen. Uns geht es darum, den Protest gegen den Kapitalismus und die Krisen und Kriege die er hervorbringt auch hier auf die Straße zu bringen. Uns geht es darum, die Menschen hier vor Ort zu informieren und aufzurütteln. Alle reden immer von der Katastrophen die auf uns zukommen, aber die Katastrophe ist längst da: Täglich verhungern tausende Menschen, alle drei Sekunden verhungert ein Kind, obwohl genug Ressourcen da wären. Und alle paar Tage erfahren wir von einem neuen Schiffsunglück auf dem Mittelmeer. Nur um mal zwei Beispiele zu nennen.

musco: Tote im Mittelmeer und Hunger, da sind wohl die meisten dagegen. Aber was habt ihr gegen den Kapitalismus?

Rose: Erst einmal muss man sagen, dass der Kapitalismus nicht sonderlich gut funktioniert – beziehungsweise nur gut funktioniert im Sinne davon, dass der weiterläuft und ständig Neues hervorbringt. Aber den Menschen die in ihm leben müssen bringt das eben herzlich wenig. Es ist doch irrational, wenn Dinge nicht deshalb produziert werden, weil sie gebraucht werden, sondern nur um Profit zu machen um dann weiter produzieren zu können.

musco: Klingt ganz schön abstrakt…

Rose: Naja, nehmen wir mal an, ein Brot liegt im Supermarktregal, und davor steht jemand der*die Hunger hat. Wenn dieser Mensch dann kein Geld stecken hat, dann bleibt das Brot im Regal liegen, vielleicht wird es sogar weggeworfen. In der Logik des Kapitals zählt der Hunger an sich rein gar nichts wenn das Bedürfnis, nach Essen zum Beispiel, nicht geldgedeckt ist. Da ist es dann ökonomisch sogar noch sinnvoll, das Zeug, das nicht verkauft wird wegzuwerfen, um die Marktpreise aufrechtzuerhalten. Das zeigt doch schon den ganzen Wahnsinn des Systems.

musco: Ihr wendet euch auch gegen den Kapitalismus, weil er zu Kriegen führt, wie ihr in eurem Aufruf schreibt. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Rose: Damit die Kapitalakkumulation, also das Generieren und Reinvestieren von möglichst viel Kapital, weiterlaufen kann, wird regelmäßig auch aufs Militär zurückgegriffen. Da werden Länder systematisch destabilisiert um sie in ihrer Konkurrenzfähigkeit zu schwächen, oder es wird eben Krieg geführt um Transportwege und Rohstoffquellen zu sichern.

musco: In eurem Demo-Aufruf steht auch etwas von der gesellschaftlichen Dominanz des Mannes, die ihr bekämpfen wollt. Was meint ihr damit?

Rose: Wir leben weltweit in einem System, das von alten Männern dominiert wird, in dem Frauen unterdrückt oder nicht ernst genommen werden, oder begrabscht oder vergewaltigt. Oder Menschen diskriminiert und ausgegrenzt werden, nur weil sie nicht in irgendwelche Rollenbilder passen oder auch gar nicht rein passen wollen. Das Patriarchat, also die Herrschaft von Männern über die Gesellschaft, ist eine der ältesten Unterdrückungsformen, alle anderen Unterdrückungsformen sind von der Dominanz des Mannes – das zeigt ja allein schon das Wort Herrschaft – durchdrungen. Eine freiere Welt kann es nur geben, wenn Frauen und generell Menschen, die wegen ihrer sexuellen Ausrichtung oder Identität unterdrückt werden, sich zusammentun, autonome Strukturen aufbauen, und sich wehren.

musco: Die Probleme auf dieser Welt sind so vielfältig, wo soll man da als linke Bewegung anfangen?

Rose: Wer die Gesellschaft verändern will, muss sie auch verstehen. Deshalb ist es erst einmal wichtig, eine vernünftige Kritik zu formulieren, sich dabei aber nicht in akademischen Sackgassen zu verirren. Linke Bewegungen wirken, gerade in der Bundesrepublik, oft abgehoben und versuchen oft gar nicht erst, ihre Kritik in die Gesellschaft zu tragen. Das hat damit zu tun, dass man der Gesellschaft oft lieber den Mittelfinger zeigt anstatt zu versuchen, Spielräume aufzubauen, in der man Gesellschaft anders organisieren kann. Wenn wir das tun wollen, dann brauchen wir die Menschen die in ihr leben. In der außerparlamentarischen Linken gibt es eine weit verbreitete Trotzhaltung, um zu beginnen müssen wir erst einmal die Punkattitüden ablegen, denn die sind kontraproduktiv und spielen dem politischen Gegner in die Hände.

musco: Kritik schön und gut. Aber Theorie ohne praktische Umsetzung bringt doch nichts…

Rose: Ohne Praxis macht Theorie keinen Sinn, das stimmt. Natürlich müssen wir Gegenstrukturen aufbauen, Plattformen, Verbände und Kollektive, die eine Alternative bilden. Und in denen es egal ist, ob du schwarz bis oder weiß, einen Pass hast oder nicht, oder ob du bisexuell bist oder lesbisch. Und natürlich müssen wir auch wirtschaftliche Gegenmacht aufbauen: Streiken, enteignen und Strukturen aufbauen, in denen die Produktionsmittel uns gehören und es um die Bedürfnisse, nicht den Profit geht. In denen wir die Chefs aus den Etagen werfen, nicht im wörtlichen Sinne natürlich.

musco: Ich höre schon meine Eltern reden: „Aber das funktioniert doch nicht…“

Rose: Beispiele dafür, dass eine andere Welt möglich ist, finden wir viele: Selbstverwaltete Betriebe in Südamerika beispielsweise, oder besetzte Hotels in Griechenland, in denen Menschen aus allen möglichen Ländern ohne Obrigkeit zusammenleben. Oder die basisdemokratisch organisierten Gebiete in Nordsyrien. Eine freiere und demokratischere Gesellschaft hat schon immer existiert und existiert auch heute noch: In jeder aufständischen Praxis, in gegenseitiger Hilfe, die nichts zurückfordert sehen wir eine andere Welt durchscheinen. Und wir müssen uns jetzt organisieren. Noch zu warten ist Wahnsinn, auch der Rechtsruck ist nur aufzuhalten, wenn wir zeigen, dass wir es besser können.

Interview: Anselm Schindler

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2 Gedanken zu “Anti-G20-Demo in Rosenheim

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