Von den Bergen an die See

Gedankenkarussell #2 – Anmerkungen zu den Protesten gegen den G20-Gipfel

Als ich mit 13 Jahren vor dem Fernseher saß, und die Bomben auf Bagdad fallen sah, da war das alles weit weg. Einige Jahre später habe ich Menschen kennen und lieben gelernt, die wegen diesen Bomben oder ihrer Folgen ihre Heimat verlassen mussten. Die abstrakte Betroffenheit hat sich gewandelt. Weil in diesen Tagen keine Neutralität und Unbetroffenheit mehr vorgetäuscht werden kann, deshalb fahre ich nach Hamburg.

Weil im Nahen Osten ein Verteilungskampf der Weltmächte tobt. Schmerz, Leid und Trauer sind in der Logik des Kapitals zwar keine Kategorien, die Bedeutung haben, aber trotzdem: Für die Menschen sind sie real. Ich fahre nach Hamburg, weil mir manchmal die Luft wegbleibt, weil sich die Versprechungen auf Karriere oder das Einfamilienhaus mit Kiesauffahrt anfühlen wie ein Käfig. Weil es in diesen Tagen keinen Sinn macht, zu weinen, oder sich zurückzuziehen.11037331_621679737976346_5115036067821178460_n

Ich fahre nicht nach Hamburg wegen irgendeinem Trump, oder einer Merkel oder einem Erdogan. Es wäre falsch, etwas von diesen Leuten zu fordern, denn die Forderungen, egal wie empört sie sind, oder wie wütend, zeugen auch von der Anerkennung der Position dieser Leute. Auch die wütenden Rufe sind schon zu viel Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken, wir sollten diese Energie dafür verwenden, von unten solidarische Strukturen aufzubauen und uns kennenzulernen.

Natürlich wird es in Hamburg Gewalt geben, aber die Gewalt kennen wir ja schon. Wir verorten uns an einem Punkt des permanenten Krieges. Der Hungertoten, der Zerstörung der Natur, die wir als „Umwelt“ bezeichnen, weil wir uns so von ihr entfremdet haben. Was sind schon Flaschen, Steine und Feuerlöscher gegen die strukturelle Gewalt eines Systems, in dem Menschen von Häusern springen, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten. Verhungern, obwohl alle ernährt werden könnten. Oder sich in Zellen die Arme aufschneiden, damit die Beamten sie nicht in das Flugzeug nach Kabul setzen können.

Diejenigen, die in Hamburg Steine schmeißen, sind sich in der Regel auch bewusst, dass sie damit keine Struktur zertrümmern können. Und auch wenn das Werfen eines Steins auf einen behelmten Menschen in Uniform ein recht unbeholfener, brachialer Akt ist, und die Steine der Verteufelung des Widerstandes neues Futter geben, an einem Punkt haben die, die sie werfen recht: Jedes noch so abstrakte gesellschaftliche Verhältnis spiegelt sich in unserem Alltag in konkret handelnden Personen wiedergedankenkarussell. In Leuten, die an Grenzen patroullieren oder zwischen den Schaufensterauslagen und den Clochards stehen.

Nur noch die Zwangsverhälntisse zu sehen, und nicht die Menschen, die sie in materielle Gewalt umsetzen, ist eine verkürzte Analyse, die in die Bewegungslosigkeit führt und das politische Spielfeld reaktionären Kräften überlässt. Die Analysen vieler Linker, die sich als „fortschrittlich“ oder „progressiv“ bezeichnen würden, ähneln in diesem Zusammenhang den mechanistischen Vorstellungen der orthodoxen staatssozialistischen Linken mehr als sie denken. Wenn die Proteste in Hamburg erfolgreich sind, kann es gelingen, dieses Denken aufzubrechen. Denn Menschen haben die Möglichkeit, sich entgegen der Erwartungen, die in sie gesetzt werden, zu verhalten.

Wir sind am Nullpunkt, das Gerede von den Katastrophen, die da auf uns zukommen lähmt uns, die Angst lähmt uns. Im Zustand der Lähmung übersehen wir einen entscheidenden Punkt: Die Katastrophe ist längst da. Worauf warten wir noch? Auf den endgültigen Zusammenbruch des Ökosystems? Auf den nächsten Weltkrieg? Noch zu warten ist Wahnsinn. Trotz all dem Gerede über Alternativlosigkeit, dem Gerede über das Ende der Ideologien, das selbst nichts anderes ist, als eine Ideologie.

Die freie Gesellschaft hat schon immer existiert, sie tut es auch heute noch, wenn auch in Nischen, in vereinzelten Ausbrüchen. Jeglicher Versuch, ihre Existenz zu vereneinen, leugnet das dialektische Verhältnis zwischen Herrschaft und Freiheit, das besteht, seitdem es Menschen gibt. Das Potenzial der Freiheit geht auch in ihrer Aufhebung nicht verloren. Wenn man einen Sack Zement in die Luft stemmt, kann man dabei schließlich auch nicht vermeiden, dass das Potenzial des Fallens in seiner Anhebung bereits enthalten ist.cropped-15042215_637867649716604_5367697757337074444_o.jpg

Beispiele für einen freien und solidarischen Zusammenhalt zwischen Menschen gibt es viele. wir finden sie in selbstverwalteten Betrieben in Argentinien, wo die Angestellten ohne Chef die Arbeit in die eigenen Hände nehmen. Oder in Gebieten Mexikos, wo die Bevölkerung unter dem Banner der EZLN die Großgrundbesitzer vertrieben hat und die Felder der Bevölkerung gehören. Wir finden das solidarische Zusammenleben in den basisdemokratischen selbstverwalteten Gebieten Rojavas (Nordsyriens), wo eine basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut wird, die ohne Staatsapparat funktioniert. Oder bei Streiks in Indien, wo Millionen von Menschen sich gegen ihre Ausbeutung wehren.

Es gilt, diese Gebiete und Kämpfe auszuweiten. Und sich zu entscheiden. Hamburg kann dafür ein guter Anfang sein.

Von Anselm Schindler

 

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