Von Kandil nach Hamburg

Bei einer Konferenz in Hannover diskutieren Vertreter*innen von verschiedenen linken europäischen Jugendorganisationen gemeinsame Perspektiven. Fixpunkte sind die Ideen der Befreiungsbewegung Kurdistans und die gesellschaftliche Realität der Jugend in europäischen Ländern

Am Abend wird im Stadtpark von Hannover Halay getanzt – in der Türkei und Kurdistan sind die verschiedenen Spielarten des Tanzes fast schon ein Volkssport. Viele der deutschen Internationalist*innen sind beim Tanzen hingegen noch etwas unsicher auf den Beinen. Aus vielen europäischen Ländern sind am letzten Mai-Wochenende Vertreter*innen verschiedener linker Jugendorganisationen zu einer Vernetzungskonferenz nach Hannover gekommen, rund 100 sind es zu Beginn. Das Motto: „Wie leben? Was tun? Wo anfangen?“ Es liege an der Jugend, Alternativen zum bestehenden System aufzubauen, heißt es in einer Erklärung, die auf der Konferenz verlesen wird. Jugend wird in diesem Zusammenhang mehr als soziologische Kategorie denn als Altersgruppe verstanden. Die Geschichte zeige, dass die Jugend in revolutionären Prozessen zumeist eine Vorreiterrolle hatte, erklärt eine Aktivistin aus der Schweiz.

Gemeinsame Bezugspunkte der teilnehmenden Gruppen sind die Revolution im nordsyrischen Rojava und die Ideen der Befreiungsbewegung Kurdistans. „Diese Bewegung ist weltweit die erfolgreichste revolutionäre Bewegung der letzten Jahrzehnte, da kann die deutsche Linke viel davon lernen“, erklärt ein junger Mann* mit Halstuch und Dreitagebart. „Auch, wenn es natürlich Widersprüche gibt, wie zum Beispiel die derzeit leider unumgängliche militärische Zusammenarbeit mit den USA im Kampf gegen Daesh“. Es ist vor Allem die autonome feministische Frauenbewegung Kurdistans, die die Menschen auf der Konferenz begeistert, immer wieder ertönt der Spruch „Jin, Jiyan, Azadî“, „Frau, Leben, Freiheit“, das Motto der Frauenbewegung in Kurdistan.

Nach Hannover sind neben Vertreter*innen diverser internationalistischer deutscher Jugendgruppen auch Aktivist*innen aus größeren Zusammenhängen gekommen, darunter die katalanische Organisation Arran, die fanzösische Gruppe  Initiative Pour Un Confédéralisme Démocratique und die Freiheitliche Jugend Kurdistans, Ciwanen Azad. Man werde gemeinsam zu den Protesten gegen den G20-Gipfel nach Hamburg mobilisieren, heißt es bei der Pressekonferenz. Dort planen die Aktivist*innen einen internationalistischen Demo-Block und auch ein eigenes Camp. Gewidmet werde das Camp einem der deutschen Linken, die im Kampf gegen Daesh auf Seiten der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten Rojavas gefallen sei. An den Wänden sind die Gesichter der Menschen, die im Kampf um Kurdistan und einen selbstverwalteten Nahen Osten ihr Leben gelassen haben, allgegenwärtig. Die Konferenz findet in den Räumlichkeiten eines kurdischen Kulturvereins statt, auch das Konterfei des PKK-Mitbegründers Abdullah Öcalan begegnet einem hier immer wieder.

Auch aus linken Kreisen wird der Befreiungsbewegung Kurdistans, und den ihr nahestehenden Teilen der linken Bewegungen Europas, immer wieder vorgeworfen, man betreibe einen Märtyrer- oder Führerkult. „Das ist kein Kult, sondern eine Kultur, die wir auch in der deutschen Linken wieder aufgreifen müssen“, erklärt eine Aktivistin aus Hamburg. „Da geht es um Menschen, die ihr Leben für uns und für die Befreiung gegeben haben, es geht darum, an diese Menschen zu erinnern, und von ihrer Lebensgeschichte und von ihrem Mut zu lernen“.

In der außerparlamentarischen Linken in Deutschland gibt es schon seit einiger Zeit einen Diskurs, der sich darum dreht, wie man die derzeitige Starre überwindet. Die Konferenz zeigt, dass diese Suche auch für linke Jugendorganisationen aus anderen europäischen Ländern ganz oben auf der Agenda steht. Die Befreiungsbewegung Kurdistans biete Lösungen für diese Suche, sagt Mohammed, ein Aktivist aus Großbritannien am Podium. Einerseits, weil diese Bewegung nicht die Gesellschaft an sich mit ihrer ökonomischen und politischen Verfasstheit verwechsele – und sie damit für sich gewinne, anstatt den Menschen vor den Kopf zu stoßen. Und weil sie sich als Teil der Gesellschaft begreife – ganz im Gegensatz zu großen Teilen der radikalen Linken in Europa, die sich als Szene, und nicht als bewusster Teil der Gesellschaft formierten.

Es gebe eine Verbindung zwischen patriarchaler, sowie ethnischer und nationaler Unterdrückung, ist sich Mohammed sicher. Er selbst steht der apoistischen Bewegung sowie den Black Panthers nahe. Nicht umsonst habe Abdullah Öcalan die Frau als erste Kolonie der Menschheitsgeschichte, und die patriarchale Familie als den „kleinen Staat des Mannes“ bezeichnet. Diskutiert wird bei der Konferenz auch ein weiterer Unterdrückungsmechanismus, der in den Diskursen der radikalen Linken Europas bislang kaum Einzug gefunden hat: Die Gerontokratie. Mit diesem Begriff wird die Herrschaft der Alten über die Jungen, benannt. Sie beginnt, folgt man der Analyse Abdullah Öcalans, auf Grundlage von wirtschaftlicher Zentralisierung und Männerherrschaft bereits vor 5.000 Jahren mit dem Entstehen der ersten zentralisierten Städte zwischen Euphrat und Tigris (also im heutigen Irak).   Seit einigen  Wochen liegt auch eine Streitschrift zu diesem Thema vor, das „Manifest der Jugend“. Geschrieben und übersetzt wurde es von Aktivist*innen der Befreiungsbewegung Kurdistans, es soll vor Allem als Ratgeber für eine neue rebellische Jugendbewegung dienen.

Vorgestellt wird in dem Buch auch das Konzept des Demokratischen Jugendkonföderalismus, der in Rojava eine große Rolle spielt. Im dortigen Rätesystem organisiert sich auch die Jugend autonom, und wählt eigene Vertretungen. Dieses Konzept, entwickelt in den kurdischen Kandil-Bergen, und getestet und überarbeitet in Rojava, findet bei der Konferenz in Hannover großen Anklang. „Uns ist auch klar, dass die Jugend in der Bundesrepublik eher an der Playstation hängt als politische Gegenmacht aufzubauen. Aber das lässt sich auch ändern, es gibt ja auch immer wieder rebellische Reflexe von Jugendlichen, die müssen bewusst gemacht und gebündelt werden,“ erklärt eine Aktivistin auf dem Podium. Dazu müsse aber gerade die Linke in der Bundesrepublik wieder offen an Jugendliche herantreten anstatt sich in Lesezirkeln oder hinter Seitentransparenten zu verstecken.

Zum Ende der Konferenz wird eine Erklärung verlesen, bei der zu Protesten für die Freiheit von Abdullah Öcalan und anderen politischen Gefangenen aufgerufen wird – und natürlich dazu, im Juli nach Hamburg zu fahren. Hinter der Bühne hängt ein großes rotes Transparent, „Demokratische Moderne statt G20“ steht darauf, darüber eine Linie, die die Umrisse von Bergen zeigt und in die Skyline einer Stadt mündet. Rund 3180 Kilometer liegen zwischen dem Kandil-Gebirge und Hamburg. Mit der Konferenz sind es einige Kilometer weniger geworden.

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