Ärzte kritisieren brutalen Polizeieinsatz im Manchinger Abschiebegefängnis

Die Zentrale Ausländerbehörde Oberbayern will eine albanische Familie abschieben, die Ärzteinitiative für Flüchtlingsrechte will das verhindern – denn die Abschiebung gefährde die Gesundheit der Kinder

Von Lisa Brunner

Bereits im März sollte eine Familie aus dem Abschiebegefängnis in Manching (bei Ingolstadt) nach Albanien abgeschoben werden. Am Flughafen brach die Mutter zusammen, ihre zweijährige Tochter hörte nach der versuchten Abschiebung auf zu essen und reagierte mit Selbstverletzung, riss sich beispielsweise immer wieder Haare aus. Mathias Kafka, Leiter der Zentralen Ausländerbehörde Oberbayern will trotzdem an der Abschiebung der Familie festhalten, eine bayerische Ärzteinitiative nun Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Kafka und seine Mitarbeiter eingelegt.

Ein Polizeieinsatz, der von Thomas Nowotny, Teil der Ärzteinitiative für Flüchtlingsrechte, als „brutal“ bezeichnet wird, reißt die Familienmitglieder am 21. März aus dem Schlaf. Zuerst seien dem Vater Hand- und Fußfesseln angelegt worden, danach wurde er von seiner Familie getrennt, und in einen Polizeiwagen gesperrt. Die Familie wurde über die geplante Abschiebung im Vorfeld offenbar auch nicht aufgeklärt und habe deshalb keine Zeit gehabt, sich juristisch auf die Ausweisung vorzubereiten, erklärt der Ärzteverband in einer Stellungnahme. Als die Mutter ihren Anwalt anzurufen versucht habe sei sie von den Polizeibeamten brutal zu Boden gerissen worden. All dies geschah vor den Augen der drei Kinder. Als der 14-jährige Sohn seiner Mutter beistehen wollte, und die Polizisten fragte, was los ist, wurden auch ihm Hand- und Fußfesseln angelegt. Nach der gescheiterten Abschiebung musste die Mutter in psychatrische Behandlung.

Die Familie ist seit geraumer Zeit im Manchinger Abschiebegefängnis interniert, neben Vater und Mutter leben auch die drei Kinder in dem Gefängnis. Thomas Nowotny, der in Rosenheim eine Arztpraxis betreibt, sieht ihre psychische Gesundheit durch den bedrückenden Alltag in dem Abschiebelager und die drohende Abschiebung in Gefahr. Er hält den Plan, die Familie nach Albanien abzuschieben nicht nur für unmenschlich, sondern auch für illegal. Nowotny positionierte sich schon in Vergangenheit klar gegen die Abschiebepraxis der Bundesregierung und setzt sich unter Anderem auch für ein Bleiberecht für alle afghanischen Geflüchteten ein. Fälle wie den der albanischen Familie gebe es viele, erklärt Nowotny gegenüber muscovado. Doch nur wenige schaffen es auch in die Medien.

Die Familienmitglieder haben Angst davor, in ihre Heimat zurückkehren zu müssen. Denn von dort sind sie wegen brutalen Auseinandersetzungen zwischen Familien geflohen, es droht ihnen nach eigenen Aussagen die Blutrache. Das Konzept der Blutrache funktioniert nach dem Prinzip “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, wobei allerdings die “Rache” nicht auf die an der Auseinandersetzung beteiligten Personen beschränkt, sondern auf das “Blut” der anderen Partei – heißt deren gesamte Familie. Fühlt sich beispielsweise ein Mitglied der Familie A durch ein Mitglied der Familie B ein seiner*ihrer Ehre verletzt, so hat Familie B das Recht, ein Mitglied der Familie A – egal ob dieses nun überhaupt an der Auseinandersetzung beteiligt war – zu verletzen. Nicht selten führen diese Familienfehden auch zu Toten. Die Blutrache ist vor allem in ländlichen Teilen Albaniens stark verbreitet. Das allerdings erkennt die Bundesregierung nicht als Fluchtgrund an, Albanien wird als  sogenanntes „sicheres Herkunftsland” eingestuft.

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Thomas Nowotny (Mitte) und Mitstreiter*innen bei einer Protestaktion vor einem Abschiebegefängnis.    Foto: privat
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