Simsalabim – Das Geschäft mit der Esoterik

Wie verdient man eine halbe Million Euro an einem Wochenende? Ganz einfach: Man füllt eine Halle mit Menschen, weint ins Mikrophon, verlangt viel Eintritt und dreht den Besucher*innen an Verkaufsständen tonnenweise billig produzierte Waren an. Und das funktioniert? Ja, sagt der Psychologe und Autor Johannes Fischler, der sich in seinem neuen Buch „New Cage“ die Esoterik-Szene Deutschlands und Österreichs vorgeknöpft hat und dabei nicht an Rosenheim vorbeikam. Einblicke in eine Welt zwischen himmlischen Versprechungen und irdischem Profit.

Von Anselm Schindler

Gibt man den Suchbegriff „Esoterik“ bei Amazon ein, erhält man mehr als 120.000 Vorschläge. „Esoterik-Kritik“ ergibt dagegen nur rund 100 Treffer, die meisten davon haben mit wirklicher Kritik allerdings wenig zu tun. Unter den Treffern findet sich auch das Buch von Johannes Fischler, das er bereits bei einem Vortrag Z, dem Linken Zentrum in Rosenheim vorgestellt hat.

Die Besucher*innen der Veranstaltung schauten verdutzt drein, als der diplomierte Psychologe Fischler die erste Sitzreihe ohne Vorwarnung mit einem Spray ansprühte, dessen Geruch die meisten Gäste wohl noch am ehesten an das altbackene Parfum ihrer Großmutter erinnerte. Die verschiedenen Fläschchen, die bei Fischlers Vortrag auf dem Tisch standen versprechen viel: Ewigen Reichtum zum Beispiel, oder die „Erreichung höherer energetischer Stufen“.

Es scheint auch in Rosenheim eine große Anzahl von Menschen zu geben die für solche Sprays und andere Esoterik-Ausrüstung viel Geld auf den Tisch legen. In der Kreisstadt macht sich  auch seit Jahren der Kult um die „Kryonschule“ breit. Sangitar Wenig, die Leiterin der „Bewusstseinsschule der Neuen Zeit“, wie die Einrichtung von den Anhänger*innen genannt wird vertreibt in ihren Räumlichkeiten auch Aurasprays – 25 Euro das Stück. Eine Verjüngungscreme ist für knapp 100 Euro zu haben. Eine Ausbildung zum Medium schlägt schon mit 720 Euro zu Buche. Wer nicht regelmäßig nach Rosenheim kommen kann, für den gibt es ein Set mit CDs, das ist allerdings nicht billiger als die Ausbildung vor Ort.

Sub sumarum ergibt das einen Umsatz von mehreren Hunderttausend Euro im Jahr. Allein für die Kryon-Schule. Bundesweit schätzt der Heidelberger Kosumforscher Eike Wenzel den Umsatz der Esoterik-Industrie auf bis zu 25 Milliarden Euro im Jahr. Damit ist er mehr als doppelt so hoch wie der Umsatz der deutschen Bierindustrie. Tendenz steigend. Kein Wunder dass viele Städte für esoterische Vereinigung wie die Kryon-Schule Tür und Tor öffnen, schließlich gehen mit dem Gewinn auch hohe Gewerbesteuereinnahmen einher.

Und so scheute sich auch das Kulturkongresszentrum Rosenheim (KuKo) in den vergangenen Jahren nicht, die Kryon-Schule Festivals in ihren Räumlichkeiten veranstalten zu lassen. Veranstaltungen wie die jährlich stattfindende „Zusammenkunft der Lichtpioniere“, die ebenfalls von der Kryonschule organisiert wird.

Die Zeremonien, die auf solchen Festivals praktiziert werden erinnern an eine Mischung zwischen katholischem Gottesdienst, Therapiestunde und Theaterinszenierung. Mal weint Sabine Sangitar ins Mikrofon, mal lässt sie ihre Stimme entgleiten, Melodramatik pur. Was sie dem Publikum mit auf den Weg geben will klingt hoch gestochen und doch merkwürdig pauschal. Es sind Sachen wie: „Heute kann es zu Lichtkörpersymptomen kommen“. Was klingt wie ein etwas verspulter Wetterbericht ist ein Tagessatz von Sabine Sangitar. Es ist der 13. Oktober und Sangitar – ihr bürgerlicher Name ist eigentlich Sabine Wenig – rät ihren Anhänger*innen heute dazu, die persönliche Engelsgruppe vermehrt um die Ausschüttung weiblicher Energie zu bitten. Zudem sei es sinnvoll immer wieder das Prosonodo-Licht zu nutzen. Prosono… was?

Von Jesus Christus hat Sabine Sangitar – den zweiten Teil ihres Namens hat sie gechannelt – im März 2010 das Recht bekommen, das Prosonodo-Licht zu übertragen, wie sie schreibt. Man kann sich das Licht auch auf die Ferne übertragen lassen. Kostenpunkt 200 Euro – für sieben Übertragungen. Eine merkwürdig surreal anmutende Welt die sich da aufbaut. Eine Welt, in die auch Freunde von Fischler abgeglitten sind, wie er berichtet. Es fing an, dass sie fünf mal am Tag meditierten und ihr CD-Regal energetisch säuberten. Bach wurde von esoterischem Singsang ersetzt und das Paar ging nur noch mit Engel-Schutzkarten zu Bankterminen.

Psychologe Fischler sah sich als Freund herausgefordert, beruflich ohnehin. Oft versuchte er mit seinen Freunden zu sprechen, doch die hatten sich längst für ein anderes Leben entschieden. Als Fischler sie das letzte mal besuchte, sah er ein Bild von sich auf einem Tischlein aufgebahrt. Um das Bild herum standen Engel-Schutzkarten, die ihn vor seinen eigenen Gedanken schützen sollten, wie seine Freunde Fischler auf eine erstaunte Nachfrage hin andeuteten. Bald brach der Kontakt ab und das Paar zog weg.

Das Haus, das sie sich bauen wollten, blieb Träumerei, wie Fischler berichtet. Da Geld hatte sich in „spirituelle Energie transformiert“, sagt er und nickt vielsagend. Durch die sonst eher humorvoll gestaltete Analyse bricht dann die Empörung des Psychologen hervor: Empörung darüber, „dass Millionenunternehmer mit Esoterik Geld scheffeln und das auf Kosten der psychischen Gesundheit ihrer Kunden“.  Nach der Kryonschule gefragt wolle er, Fischler, aber lieber keine klare Aussage treffen, sagt er und verweist auf die Anwälte des Unternehmens.

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Beschäftigt sich seit Jahren mit der Esoterik-Szene: Autor Johannes Fischler; Foto: privat
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