Der Wanderdichter

Wer hin und wieder durch Rosenheim schlendert, kann den bärtigen Josef und seinen Einkaufswagen kaum übersehen. Geschickt manövriert der Wanderdichter sein Gefährt über Bürger- und Bahnsteige. Der klapprige Wagen wirkt immer überladen, Josef schiebt einen großen Teil seiner Habseligkeiten stets mit sich herum, denn eine Wohnung hat er nicht. Dafür einiges auf dem Kasten und eine Flut von Gedichten. Einige davon hat er für muscovado zum Besten gegeben.

Von Anselm Schindler

Ich stehe an einem alten Holzschiff und klopfe vorsichtig, dann energischer an die Holzlatten der Außenwand. Das Schiff transportierte früher Zement, im 19. Jahrhundert verunglückte es – viele Jahre später wurde es geborgen und restauriert und steht nun als Ausstellungsstück am Ufer des Inns. Im Innenraum, direkt an den alten Fässern, die auf dem Schiff vor langer Zeit den Weg über den Inn nach Rosenheim nahmen, liegt Josef und döst vor sich hin. Mein Klopfen hört er nicht. „Josef“, sage ich mit verhaltener Stimme, er schreckt hoch. Am Vorabend war er lange in der Kneipe, da hilft auch der Wecker nichts, den er von einem jungen Bosnier geschenkt bekommen hat, wie er erzählt.

Er erzählt gerne und ausführlich. Wenn man etwas Zeit hat lohnt es sich, ihm zuzuhören. Manchmal wirkt es, als sitze man einem bärtigen Lexikon gegenüber. Literatur ist sein Ding – und Weißbier. Man könnte ihn als Kulturschaffenden bezeichnen, oder als Lebenskünstler, der wohnungs- und einkommenslose Josef nennt sich selbst einen Wanderdichter. Die Reime sprudeln förmlich aus ihm heraus, unzählige Zettel hat er dabei, mit Notizen, entziffern kann sie vermutlich nur er.

Josef fährt sich immer wieder durch seinen Rauschebart und fängt an zu erzählen. Als er jung war hat er zusammen mit seiner Freundin in einem alternativen Hausprojekt gewohnt, einer Art Kommune im tiefsten Niederbayern. Doch die langjährige Beziehung ging „wüst in die Brüche“, die „große Liebe“ war dahin. Er zog aus, wohnte hier und da. „Ich wusste nicht wo ich hin will, wo ich hin gehöre“, sagt Josef und sein bayerischer Akzent weicht einem sanften Hochdeutsch. Für 300 Mark verkaufte ein Freund ihm seinen alten Ford. Das Auto wurde für Josef mehr und mehr zur Wohnung, „wenn ich aufgeräumt hab, konnte ich bequem drin schlafen“, sagt er.

Josef war in dieser Zeit – es waren die Jahre des Mauerfalls – viel unterwegs. In großen Städten, München, Wien. Oft kam er aber auch bei einem Freund in der Rosenheimer Innstraße unter. Dort ist er jetzt wieder angekommen, im Schiff, direkt am Inn. „Die Innstraße, die ist schon so was: Die Fahrradgeschäfte die billigen Kneipen und die Puffs“. Doch einen abwertenden Tonfall sucht man vergeblich, er scheint es hier zu mögen, wahrscheinlich auch, weil er so viele Menschen kennt – und sie ihn kennen.

In der Zeit, in der er mit dem Auto umher fuhr – er war damals schon jenseits der 30, hat es ihn besonders oft nach Wien verschlagen. In einem besonders kalten Winter ist ihm dort die Zylinderkopfdichtung seines Autos „verreckt“. Das war aber nicht weiter schlimm, schließlich blieb er eh gerne über mehrere Tage in der Österreichischen Hauptstadt. Oft war er bei der Wiener Literaturgruppe „Zenit“ zu Besuch, denn die stand in regem Austausch mit der Rosenheimer Gruppe „Schreibtäter“. Auch dort hat Josef lange Jahre mitgemischt. Oft trafen sie sich im Turmcafe, neben dem Rosenheimer Ausstellungszentrum „Lokschuppen“. Dort wurde viel diskutiert, die „Schreibtäter“ organisierten Lesungen und trugen Texte vor.

Aus der Feder der Gruppe ist leider nicht viel „überliefert“, doch Gedichte hat Josef immer auf Lager. Zum Beispiel das vom Wasser. Manchmal, wenn er die Menschen auf der Straße um „eine Kleinigkeit“ bittet, bekommen sie es zu hören. Auch der Rosenheimer Oberbürgermeisterin Gabi Bauer hat Josef das Gedicht vom Wasser schon vorgetragen. Auf dem Max-Josef-Platz lief er ihr über den Weg. Bauer trug eine „Uniform“, wie Josef sich erinnert. Er meint damit ihr Dirndl – denn die Oberbürgermeisterin war auf dem Weg zum Herbstfest. „San sie Gabi Bauer?“, sprach Josef sie an. Die Regionalpolitikerin wollte ihn abwimmeln: „Ich hab keine Zeit“. „Macht nichts“, antwortete Josef frech. Und während Bauer ihren Weg fortsetzte schritt Josef neben ihr her und legte los:

„Wasser Wasser, wie sie fließen

von den Bergen frisch zu Tal

Wie sie springen über Steine

Balsam sind, dem kranken Heine

Wie sie mischen, meine, deine

Purzelnd, stürzend träumend

unter großen alten Bäumen

Wie sie stürmen, stürzen, mit sich reißen

Ufer, Brücken, ganze Schneisen

ziehn in alte, feste Hänge

Wie sie sprengen jede Enge

Wasser, Wasser, schnell zu Tal

Und dann weiter, in die Weite

Bis zum Meer bis in die Weite

Diese Lust wird niemals schal“

„Stürmen, stürzen, mit sich reißen“: Bei solchen Strophen fängt Josef an, wild mit den Armen umherzufuchteln, er verzieht das Gesicht, die Dramatik springt einem Förmlich entgegen. Nichts für schwache Nerven: „Ich geb ihnen was, aber sagen sie mir bitte kein Gedicht mehr“, habe eine Passantin mal zu ihm gesagt, erinnert sich Josef – „mein Hund hat letztes mal so Angst bekommen“.

Das komme ganz plötzlich, sagt Josef, wenn man ihn fragt, woher er seine Ideen habe. Und so kann es auch mal einige Jahre dauern, bis der Wanderdichter eines seiner Werke fertig schreibt. So war das auch beim Gedicht vom Frühling. Als er vor vielen Jahren einmal mit dem Rad durch Rosenheim gefahren sei, da habe es ihn gepackt. Sofort stellte er das Fahrrad ab, „der Sattel war mein Schreibtisch“, denkt Josef an diesen Moment zurück. Unter einem Vordach fing er an zu schreiben, doch auf ein mal ging es nicht weiter. Viereinhalb Jahre später: Josef steht in einer Telefonzelle und reißt Seiten aus dem Telefonbuch. Er braucht Papier, denn gerade ist ihm eingefallen, wie er das Frühlings-Gedicht fortsetzen will:

„Frühling, Frühling, lass es sprießen

bitte bitte komm recht bald

ich will die Schwalben wieder grüßen

mich fallen lassen ohne Halt

Will wieder unter Bäumen schlafen

Geborgen unterm Blätterdach

Will wieder sein mein eigner Hafen

Und will auch sein mein eigner Bach

Will Heimat sein für ach so vieles

was sprudelt, plätschert, quirlt und rauscht

will Teil und voll sein jenes Spieles

was treibt und bläht und strotzt und bauscht

will endlich wieder barfuß gehen

barfuß, barfuß bis zum Hals

will wieder ganz im Lebens stehen

Frühling, Frühling komm recht bald“

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2 Gedanken zu “Der Wanderdichter

  1. Ich war eine Zeit lang mit Josef „befreundet“, also ich traf ihn immer mal wieder und er erzählte mir Geschichten. Ich Anfang 20, er x Jahre alt. Seine Sicht der Dinge und Menschen. Ich wohne jetzt in Wien, lustigerweise. Er passt gut hierher. Sag ihm doch, wenn du ihn wieder mal triffst, einen lieben Gruß vom Stefan.

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