Männer, wir müssen reden.

„Steh deinen Mann!“, wie oft haben wir diesen, oder ähnlich gemeinte Sätze schon gehört? Ich will meinen Mann aber nicht stehen. Die Schublade ist mir zu eng.

Von Anselm Schindler

Der moderne Mann macht keine dummen Witze über blonde Frauen mehr. Grapschen bezeichnet er als das, was es ist: Ein sexistischer Übergriff. Und wenn die Kinder kommen, wechselt auch er mal die Windeln. Wie fortschrittlich wir doch sind! Dafür will der moderne Mann gelobt werden, schließlich versteht sich das alles ja nicht von selbst. Das Problem ist: So sehr wir uns auch innerlich auf die Schulter klopfen, es reicht nicht.

Als wir klein waren, haben wir mit Baggern gespielt, wir haben in ein hellblaues Töpfchen gepinkelt, zum Karneval wurde uns ein Cowboyhut aufgesetzt. In der Grundschule fanden wir Mädchen doof, als wir Pickel bekamen dann wieder interessant. Dann wurde uns irgendwann gesagt, dass Geschlechterrollen konstruiert seien und dass eine Gesellschaft, in der Frauen weniger verdienen, in der Frauen belächelt, nicht ernst genommen oder vergewaltigt werden keine gute Gesellschaft sei. Und dass das alles irgendwie etwas mit unserer geschlechtlichen Identität zu tun habe, der Männlichkeit.

Wir haben das – wenn auch teils trotzig – abgenickt, versucht, es zu verinnerlichen. Die moderne Gesellschaft hat den Macho in uns verbannt, die Initiative ging dabei zumeist von den Frauen aus. Vor allem Frauen haben über Geschlechterrollen und sexistische Zustände diskutiert und geschrieben. Und was haben die Männer in dieser Zeit getan? Auf die Idee, dass auch wir über unsere Rolle in der Gesellschaft diskutieren müssen, dass auch wir darüber reden müssen, wie es uns mit den auferlegten Rollen geht, sind die wenigsten von uns gekommen. Was ist eigentlich das „Gegenstück“ zum Feminismus? Wir müssen es erfinden. Männer, wir müssen reden!

Unter der Hegemonie heterosexueller Männer leiden vor allem Frauen und Minderheiten, die aus dem Raster fallen, das steht außer Zweifel. Doch die gesellschaftlichen Zustände tun auch den Männern nicht gut, auch wenn sie die sind, die dominieren und sich durch die männerdominierte Gesellschaftsordnung Privilegien sichern. Dass Frauen wenig Stärke, wenig Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen zugestanden wird, bedeutet umgekehrt, dass Männer diese Bedingungen erfüllen müssen. Aber Männer sind keine Maschinen, sie funktionieren nicht immer. Sie sind schwach und verletzlich. Auch wenn es ihnen schwer fällt, das zu zeigen. Wie oft haben wir unsere Väter, unsere Mitschüler oder Kollegen weinen sehen?

Besonders tabuisiert wird das Nicht-Funktionieren von Männern, wenn es um Sex geht. Wer im Bett – oder wo auch immer Menschen Sex haben – nicht lange oder gar nicht kann, einen kleinen Penis hat, mit 20 immer noch Jungfrau ist, oder an Sexualität einfach nicht sonderlich interessiert ist, der ist ein Versager, ein Schlappschwanz. Schon das Wort drückt aus, wovon Männlichkeit vor allem anderen abhängig gemacht wird. Die Pornoindustrie verkauft uns – mit wenigen Ausnahmen – neben  dem Bild einer unterwürfigen Frau, der zum Ende ins Gesicht gespritzt wird, auch das Bild eines Mannes, der dominant ist, der immer kann, Penislänge: 20 Zentimeter. Minimum. Mit der Wirklichkeit hat das in den seltensten Fällen etwas zu tun. Studien zeigen eine ganz andere Realität: Der Penis eines durchschnittlichen Mannes ist im erigierten Zustand 13-14 Zentimeter lang, im Durchschnitt ejakuliert dieser Mann nach dreieinhalb Minuten. Reden wir über diese Dinge? Nein.

Bei nicht wenigen Männern führt das Nicht-Entsprechen einer konstruierten Normalität zu Minderwertigkeitskomplexen. Die Erkenntnis, dass diese Komplexe dann zu einer Überbetonung von vermeintlich männlichem Auftreten führen, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Es ist auch ein Allgemeinplatz, dass das Macker-Gehabe zu großen gesellschaftlichen Problemen führt.

Das Leistungsdiktat, dem Männer unterworfen sind, durchzieht alle Lebensbereiche, von der Freizeit  bis an den Schreibtisch oder die Werkbank. „Steh deinen Mann!“, wie oft haben wir diesen oder ähnlich gemeinte Sätze schon gehört? Ich will meinen Mann aber nicht stehen. Die Schublade ist mir zu eng. Die Frauen, die Lesben, die Schwulen, Transfrauen- und Männer haben es uns vorgemacht. Jetzt sind wir Hetero-Männer an der Reihe.

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