Evolution selber machen

Gedankenkarussel #1 – Natur und Sozialismus

Warum wir den Evolutionsbegriff neu denken müssen – und was das mit dem demokratischen Sozialismus zu tun hat

Von Anselm Schindler

Wir haben der Natur einen Streich gespielt. Zwar gehört wir Menschen ihr mit Haut und Haaren an, sind selbst nichts anderes als Natur, doch an einer Stelle haben wir die Spielregeln, die für das Leben seit Jahrmillionen gelten ausgetrickst: Die Regel der Evolution, wonach nur die Stärksten und die am besten angepassten Individuen überleben gilt nicht mehr – zumindest nicht mehr in großen Teilen der Welt. Mit Technik und Medizin trotzen wir der Kälte der Natur, die natürliche Auslese kann uns egal sein – oder zumindest den Menschen, die es sich leisten können, den Aussortier-Mechanismen der Evolution zu entfliehen.

Viele Krankheiten sind heilbar, man kann sich vor Umweltkatastrophen schützen, vor Kälte, Nässe und giftigem Getier – vorausgesetzt man hat das nötige Geld dazu. In der Theorie zumindest müsste niemand mehr an heilbaren Krankheiten sterben, verhungern oder verdursten. „Survival oft he fittest“, die Spielregel der Evolution spielt nur noch in abstrakterer Form – im kapitalistischen Konkurrenzkampf – eine Rolle.

Egal ob wir ein Tsunami-Warnsystem an einer Küste installieren oder ein neues Medikament entwickeln: Die Entwicklung technischer und medizinischer Hilfsmittel macht es überflüssig, dass sich der Körper der Art Mensch über einen langen evolutionären Prozess optimiert – das ist der Mechanismus, mit dem wir die Regeln der Natur „austricksen“. Der Fortschritt macht es unnötig, dass die, die am wenigsten angepasst sind (aus)sterben müssen, das ist sein großer humanistischer Verdienst. Während die menschliche Evolution Jahrtausende braucht, um die Immunsysteme auf neue Herausforderungen einzustellen, ist ein neues Medikament innerhalb weniger Jahre entwickelt.

Die Auslagerung der Evolution

Man kann sagen: Wir haben die Evolution aus dem Körper ausgelagert. Wir passen uns bewusst an, technische, elektronische und medizinische Hilfsmittel machen eine Veränderung des Körpers unnötig, sie sind effizienter als die evolutionäre Anpassung des Körpers selbst. Wo sich in früheren Zeiten über hunderte von Generationen die Schädelform änderte, um mehr Gehirn zu ermöglichen, optimiert man heute die Rechenleistung eines Computers.

Der Mensch scheint einen nie da gewesenen Sieg über die Natur errungen zu haben. Doch hat er sich wirklich von den Zwängen der Natur befreit? Ironischer Weise scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Denn je mehr wir der Natur abtrotzen, desto schneller verändert sich diese, desto schneller müssen wir uns wiederum anpassen. Der Klimawandel steht hierfür Modell. Wir sind unabhängig geworden von Wind und Wetter, Licht und Dunkelheit. Wenn es draußen schneit drehen wir drinnen die Heizung auf. Doch der steigende Energieverbrauch setzt Treibhausgase frei, die Atmosphäre heizt sich auf, wir müssen mit einem sich immer unberechenbarer werdenden Klima zurechtkommen. Der Soziologe Theodor Adorno hat das als „Circulus Vitiosus“ bezeichnet – als Teufelskreis: Der Versuch, aus dem Naturzwang auszubrechen führt uns offenbar noch tiefer in den Naturzwang hinein.

Schon Friedrich Engels erkannte diesen Zusammenhang, als er in seinem Werk „Dialektik der Natur“ schrieb: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben.“ Das Jahrhundert, das nach dem Erscheinen dieser Zeilen verging, sollte Engels recht geben. Mitte des vergangenen Jahrhunderts sponnen dann die Erben und Weiterentwickler der marxistischen Theorie, Max Horkheimer und Theodor Adorno, die Gedanken Engels weiter. Die Unterwerfung der Natur führe nicht nur zu weiteren ökologischen, sondern auch zu einer Zunahme von gesellschaftlichen Zwängen, schrieben sie zu Zeiten des zweiten Weltkriegs in der „Dialektik der Aufklärung“.

Karussell der Zwänge

Vorausgegangen war dieser Überlegung das Entsetzen über die einzigartigen Verbrechen des Nationalsozialismus gegen die Menschheit. Die Frage, wie diese Verbrechen, angesichts einer sich für aufgeklärt haltenden menschlichen Kultur stattfinden konnten, bestimmte die Tagesordnung der kritischen Theorie. Antworten fand sie in der inneren Dynamik der Aufklärung: Nicht trotz der Aufklärung seien die Grauen des 20. Jahrhunderts möglich gewesen, sondern gerade wegen ihr. Arbeitsteilung und Technik als Selbstzweck habe es erst möglich gemacht, dass Menschen in riesigen Apparaten industriell ermordet werden, wobei auch, stümperhaft zusammengefasst, eine Rolle spiele, dass der Kapitalismus Menschen zu bloßen Werten im Arbeitsprozess degradiere. Zwar habe die Aufklärung die Furcht vor der Natur gebrochen, argumentierten Adorno und Horkheimer. Doch dieser Bruch spiegle sich in der zunehmenden Herrschaft vom Menschen über den Menschen.

Der Bruch mit der Natur und die daraus entstehenden gesellschaftlichen Zwänge finden, geht es nach Adorno und Horkheimer, auch auf einer anderen Ebene statt: In der Psyche des modernen Menschen. Moderne Kultur sei nur möglich, argumentieren die beiden Soziologen in Anlehnung an die Psychoanalyse, wo die grundlegenden Triebe des Menschen beschnitten – oder aber gesellschaftlich modifiziert werden. Oder andersherum gedacht: Das ungehemmte Ausleben erotischer und aggressiver Impulse würde ein geordnetes gesellschaftliches Leben unmöglich machen. So ist Kultur, ist Aufklärung der erste Bruch mit der – als psychische Triebstruktur auftretenden – Natur.

Der Naturzwang lebt als gesellschaftlicher Zwang fort, in der Psyche, wie in gesellschaftlicher Unterdrückung. Die existenziellen Ängste der Menschenmassen, die an den Fließbändern der Entwicklungsländer schuften, stehen der Angst vor dem unerklärlichen Donnern des Himmels in früheren Zeitaltern wohl um nichts nach. Es scheint, als würde sich die scheinbar gebrochene Kälte der Natur in den Beziehungen der Menschen im Kapitalismus spiegeln. Deshalb drehen wir uns im Kreis: Wo die naturgegebenen menschlichen Bedürfnisse nicht angemessen ausgelebt werden können, verpasst die Aufklärung das Ziel der Befreiung des Menschen. Und wo die ökologischen Folgen des technischen Fortschritts zu Umweltkatastrophen führen, verfehlt der Fortschritt das Ziel, der Natur Komfort abzutrotzen.

Böse Wörter

Ein Ausbrechen aus dem „Circulus Vitiosus“ scheint unmöglich. Das Karussell in Endlosschleife: Die Gesellschaften schlittern, getrieben von ökonomischen Sachzwängen, immerzu dem ökologischen Kollaps entgegen. Fortschritt erscheint im Regelfall nur als Nebenprodukt von Profitmaximierung und dem Zwang, alle Lebensbereiche der kapitalistischen Verwertung zu unterwerfen. Geforscht wird nur in den Bereichen, die der Akkumulation des Kapitals dienen. Wenn keine geldgedeckte Nachfrage nach einem neuen Medikament besteht, dann wird es nicht entwickelt, relativ egal ist dabei, wie viele Menschen an der Krankheit, die es heilen könnte krepieren. Dieses Prinzip gilt für alle Bereiche der Ökonomie, deren Akteur*innen es nur darum gehen kann, möglichst hohe Profite zu erzielen, um in der kapitalistischen Konkurrenz nicht den Kürzeren zu ziehen.

Dabei wäre Wirtschaft und Fortschritt auch anders denkbar. Als bewusster, demokratischer Prozess, der sich ausschließlich den politischen Entscheidungen der Bevölkerung zu unterwerfen hat und darauf ausgelegt ist, das Maximum an gesellschaftlichem Nutzen zu entwickeln. Als Unterordnung der Ökonomie unter die gesellschaftlichen Bedürfnisse und die Kontrolle Aller. Der Ausbruch aus den gesellschaftlichen Sachzwängen, aus der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen: Das bewusste und basisdemokratisch bestimmte Fortentwickeln der Gesellschaft – damit wäre der Mensch wirklich das, was der Ausspruch der „sich selbst bewusst gewordenen Natur“ ausdrückt.

Die These die sich daraus ergibt: Die Evolution macht – denken wir sie als bewussten kollektiven Prozess – nicht weniger notwendig als die Enteignung der Produktionsmittel, die Aufhebung des Privateigentums. Und da ist es, das böse Wort: Sozialismus. Wir müssen ihn von unten denken, demokratisch, modern. Nicht als Diktatur einer Partei, nicht als Staat. Sondern als die bewusste Entscheidung Aller, wie was wann entwickelt werden soll um möglichst vielen damit zu dienen.

Der Bruch der Zwänge

An dieser Stelle taucht das nächste böse Wort auf: Planwirtschaft. Das Scheitern autoritärer weil zentralistischer und bürokratischer Planwirtschaften ist bekannt. Aber jetzt haben wir das Internet. Warum nicht Prozesse bewusst steuern, die ansonsten nur dem Profitstreben und dem Wohlstand einiger weniger dienen? Oder anders gefragt: Warum sollten wir weiter 25.000 Menschen am Tag verhungern lassen, wenn wir durch geschickte Planung alle Menschen dieser Welt ohne Probleme mit ausreichend Nahrungsmitteln versorgen könnten? Bewusstsein muss heute heißen, die Menschheit als Art zu begreifen, die das Überleben ihrer Individuen nicht mehr marktwirtschaftlichen Sachzwängen unterwirft.

Der geflügelte Begriff der „sich selbst bewusst gewordenen Natur“ muss bedeuten, dass die Menschheit sich selbst als Kollektiv wahrnimmt. Als Kollektiv, dass den Fortschritt, die Evolution, vorantreibt, um als Art zu überleben. Der Sozialismus, verstanden als Akt der demokratischen und kollektiven Entscheidung hebt den Widerspruch zwischen Natur und Zivilisation auf: Wenn die ökologischen Ressourcen nicht mehr dem Diktat der Profitmaximierung unterworfen sind, sondern als Gemeingut des Menschen gesehen werden, dann steigt auch das Interesse, sie zu schützen.

Die Möglichkeiten, die unserer Art als bewusst handelndes Kollektiv offen stünden übersteigen wohl die kühnsten Utopien. Wir stehen vor der historischen Möglichkeit Evolution als bewussten Prozess in die eigenen Hände zu nehmen. Wir stehen vor der Möglichkeit einer Welt, in der umweltverträgliche Technologien, moderne Medizin, Technologie und ein schier grenzenloses Wissen allen Menschen zugänglich gemacht werden können. Die Realität mit ihren Hungersnöten, Seuchen und Kriegen scheint diese Vorstellung ad absurdum zu führen. Wir drehen uns weiter im Kreis – so lange bis wir uns entscheiden, das Karussell zu verlassen.

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Ein Gedanke zu “Evolution selber machen

  1. Zunächst möchte ich festhalten, dass die biologische Evolution ein rein passiver Prozess ist und deshalb von der gesellschaftlichen Evolution als Prozess der kollektiven Meinungs- und Entscheidungsfindung klar unterschieden werden muss. Von Faktoren der biologischen Evolution hat sich der Mensch bereits weitgehend gelöst. Daruter, dass der Mensch „sich selbst bewusst gewordene Natur“ ist, verstehe ich, dass er als Teil oder Produkt der Natur fähig ist Erkenntnisse über das Wesen derselben zu sammeln. Er ist nicht darauf beschränkt auf natürliche Phänomene zu reagieren, sondern kann Gesetzmäßigkeiten erkennen und darauf basierend Vorhersagen treffen, was uns die Entwicklung von Technologie ermöglicht.
    Das ist der eine Aspekt unter dem sich der Mensch als Teil der Natur als besonders auszeichnet. Der andere ist, dass der Mensch, infolge der zunehmenden Unabhängigkeit von natürlichen Zwängen, sich selbst Zwänge auferlegt, in Form von Sammlungen von Regeln und Gesetzen, die wie letztlich unter einer Ethik zusammenfassen können. Natürlich darf man die Psychologie und die Neurowissenschaften nicht vergessen, die uns lehren wie sehr der Mensch durch seine Natrur bestimmt ist, es geht mir hier nur um jene natürlichen Zwänge, die sich durch Technologie überwinden lassen. Nach Adorno wird das etablierte Ethos immer dann problematisch, wenn es auf Situationen trifft, auf die es nicht anwendbar ist. Das abstrakte Allgemeine tritt hier in Konflikt zu dem Besonderen, auf das es durch seinen Anspruch auf Universalität eine Form der Gewalt ausübt.
    Unter gesellschaftlicher Evolution würde ich nun den Prozess verstehen, die etablierte Moral ständig zu prüfen und dort zu überwinden, wo sie nicht mehr zeitgemäß ist, sich nicht auf die gegebene Situation anwenden lässt.
    Um nun bezogen auf die Gesellschaftsform möglichst wohlüberlegte Urteile treffen zu können muss sich der Mensch seiner selbst bewusst werden. Damit meine ich nicht nur seiner Existenz und seiner Herkunft, sondern gerade auch seiner Rolle als Teil der Natur, Mensch unter Mitmenschen, als Teil eines Kollektiv. Der Begriff Kollektiv, bezogen auf die Menschheit als Ganzes, bedarf hier meiner Meinung nach einer genaueren Definition: Als Schicksals- und Solidargemeinschaft. Die Entscheidung des Einen, gerade in Hinblick auf die Umwelt, betrifft auch den Anderen, weshalb die Interessen des Anderen, bei der Abwägung gegen die eigenen, als gleichwertig betrachtet werden sollen.

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