Interview: Autonome Strukturen in Chiapas

Karin P. war von Januar bis April 2016 als Menschenrechtsbeobachterin über die Organisation Carea in Chiapas, Mexiko. Sie hielt sich in mehreren autonom verwalteten Gemeinden auf und beobachtete die teilweise angespannte Situation. Der Aufstand der „Nationalen Zapatistischen Befreiungsarmee“ (EZLN) am 1. Januar 1994 im mexikanischen Bundesstaat Chiapas forderte unter anderem den Rücktritt der Regierung, freie demokratische Wahlen und Autonomie für die Gemeinden der indigenen Bevölkerung in Mexiko. Die Zapatisten besetzten große Gebiete, im ersten Quartal 1994 mindestens 30.000 Hektar Land. 1995 startete der mexikanische Staat eine militärische Großoffensive gegen den Aufstand. Das Menschenrechtszentrum „Fray Bartolomé de las Casas“ richtete daraufhin sogenannte Friedenscamps, die mit mexikanischen und internationalen Beobachter_innen besetzt sind, in den zapatistischen Gebieten ein. Immer noch werden Institutionen, Schulen und Familien der zapatistischen Bewegung von Parteianhänger_innen und paramilitärischen Gruppen angegriffen.

 

Die Zapatist_innen haben sich zum Ziel genommen ein autonomes, basisdemokatisches System in Chiapas aufzubauen. Wie weit ist dieser Aufbau in den Regionen, die du besucht hast, vorangeschritten?

Sehr weit. Mit der Gründung der 5 Caracoles 2003 als Verwaltungs- und Regierungszentren der Räte der Guten Regierung wurde unter anderem auf das Problem, dass Gemeinden unterschiedlich in die Bewegung eingebunden waren, reagiert. Damals sind die 3 Ebenen -Caracole, autonome Bezirke und Gemeinden – und deren jeweilige Aufgabenbereiche stärker herausgearbeitet worden. Zur Autonomie gehört aber vor allem auch, dass sich alle Menschen selbst versorgen können. Außerdem wurde das eigene Rechtssystem ausgebaut, ein autonomes Schulsystem eingeführt und die Gesundheitsversorgung verbessert. An diesen Punkten wird kontinuierlich gearbeitet.

Wie funktionieren die Strukturen in den ja oft sehr kleinen Dörfern vor Ort?

Für das Ausüben der täglichen Basisdemokratie sind die Dörfer als Lebensmittelpunkt Aller am wichtigsten.

Die Gemeindeversammlungen stellen den Dreh- und Angelpunkt der basisdemokratischen Struktur dar. Hier werden alle für die Gemeinde wichtigen Themen besprochen und die Ämter für die Gemeinde vergeben. Ebenso werden die Themen behandelt, die dann für den Bezirk oder das Caracol wichtig sind, so dass Delegierte die Meinung der Gemeinde weitergeben können.

Um die autonomen Strukturen umsetzen zu können, gibt es in jeder Gemeinde sogenannte Promotor_innen für Erziehung, Gesundheit, ökologischen Landbau und Kommunikation. In sehr kleinen Gemeinden ist das manchmal schon schwierig, alles abdecken zu können. Die Promotor_innen müssen ja auch zu Kursen gehen, in denen sie für ihre Aufgaben geschult werden. Zudem beteiligen sich Alle an Gemeinschaftsarbeiten im Dorf, aber auch an Diensten im Bezirk und im Caracol. Und nachdem die Menschen für ihre Dienste und Ämter nie Geld bekommen, müssen sie teilweise auch von den anderen mitversorgt werden.

In jedem Fall fordert die Autonomie und Basisdemokratie von Allen ein hohes Maß an Bereitschaft, sich für die Gemeinschaft einzubringen. Aber Alle wollen, dass sie diese Autonomie auch im kleinsten Dorf umsetzen . Zum Beispiel würden Zapatist_innen inzwischen nie wieder ihre Kinder in staatliche Schulen geben.

Hat sich die Stellung der Frau in Chiapas wesentlich verbessert? Konntest du beobachten, ob sich auch Frauen im demokratischen System partizipieren?

Die Stellung der Frau hat sich in jedem Fall verbessert. Früher konnten dir Frauen ohne Einverständnis des Mannes nicht einmal das Haus verlassen und waren auch bei den Gemeindeversammlungen nicht zugelassen. Die Bewegung hat hier unter anderem durch das revolutionäre Frauengesetz und ihre Vorarbeit in den 10 Jahren der Klandesdinität der EZLN viel geleistet.

Ich bin bei meinem Aufenthalt auf Frauen im Rat der Guten Regierung getroffen und auf Frauen, die auf Gemeindeebene sehr aktiv waren. Gleichzeitig habe ich auch Beobachtungen gemacht, die auf ein Beibehalten der klassischen Frauenrolle hinweisen könnten, wie z.B. wer die Kinder und den Haushalt versorgt. Aber ich bin bei diesem Thema sehr vorsichtig mit meiner Beurteilung. Denn oft wird sich von außen kritisch auf die angeblich mangelnde Gleichberechtigung gestürzt ohne die Ausgangslage ausreichend zu betrachten. Lieber ist mir, wenn die zapatistischen Frauen das selbst einschätzen. Sie sagen, dass sich für sie viel verändert hat, dass sie aber immer noch zu viel Arbeit allein leisten müssen.

Meiner Meinung nach wirkt die gleichberechtige Ämter- und Aufgabenteilung in den Caracolen und Bezirken sehr positiv in den Alltag der Gemeinden hinein.

Im Jahre 1994 ging der Mexikanische Staat mit einer massiven militärischen Offensive gegen die Zapatisten vor, nur durch öffentlichen Druck wurde dann eine Art Waffenstillstand erreicht. Wie ist das Verhältnis zum mexikanischen Staat heute? Hat sich das politische Vorgehen des Staates gegen die autonomen Strukturen wesentlich verändert?

Die zapatistische Bewegung hat sich inzwischen komplett vom mexikanischen Staat abgewandt. In den Anfangsjahren gab es noch Hoffnungen auf einen Transitionsprozess nach dem Ende der 71-jährigen Alleinherrschaft der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution). Aber diese Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Nachdem die Abkommen von San Andres über die Selbstbestimmungsrechte der indigenen Bevölkerung im Parlament nur in einer stark verwässerten Form abgestimmt worden waren, haben sich die Zapatist_innen von allen Parteien abgewandt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war für sie klar, dass sie ihre Autonomie allein umsetzen werden und sich nicht mehr auf den Staat beziehen werden.

Das politische Vorgehen des Staates hat sich insofern verändert, dass die militärische Offensive offiziell für beendet erklärt wurde. Dennoch blieben aber ein Drittel der Streitkräfte in Chiapas und die Regierung hat einen sogenannten Krieg niederer Intensität begonnen. Das heißt sie hat paramilitärische Strukturen aufgebaut und unterstützt. Wenn jetzt durch Paramilitärs Vertreibungen und Angriffe durchgeführt werden, dann soll der Eindruck erweckt werden, dass der Staat nichts damit zu tun hat. Insgesamt unterliegen die zapatistischen Gebiete permanenten Bedrohungen.

Wie schnell können die demokratischen Strukturen vor Ort auf z.B. Auseinandersetzungen reagieren? Oft ist es ja so, dass genau in solchen Situationen die Basisdemokratie versagt und die Entscheidungsfindung, die sehr schnell durchgeführt werden muss, über wenige Personen abläuft.

Natürlich geben die Zapatist_innen an diesem Punkt keine genaue Auskunft über ihre Strukturen. Aufgrund verschiedenster Berichte zu verschiedenen Situationen war aber für mich klar ersichtlich, dass auch in kritischen Situationen eine breite Entscheidung herbeigeführt wird. Das hat mir sehr gut gefallen, da es eben meist anders ist und im Zweifelsfall schnell auf hirarchische Strukturen zurückgegriffen wird. Ich glaube auch, dass es schon im Vorfeld viele gemeinsame Entscheidungen zu Reaktionen auf Angriffe etc. gibt, also dass viele Möglichkeiten durchgesprochen werden. Also was ist, wenn….

 

Du hast 3 Monate in verschiedenen Gemeinden über die Menschenrechtsorganisation Carea verbracht. Du wurdest dann vor Ort in Camps mit anderen Menschenrechtsbeobachter_innen in den Gemeinden untergebracht. Aufgabe der Beobachter_innen ist die Dokumentation und Weitergabe der Informationen. Zu welchen Konflikten kommt es vor Ort?

Ich war in drei Gemeinden mit jeweils verschiedenen Ausgangslagen.

Zum einen war ich in La Realidad, wo auch ein Caracol ist und von wo aus die Bewegung ihren Anfang genommen hatte. Vor 2 Jahren gab es dort einen Angriff einer paramilitärischen Gruppierung, bei dem die dortige Schule, die Bibliothek und das Krankenhaus zerstört wurden. Es wurde der Lehrer Galeano umgebracht und es gab weitere Verletzte. Kurz zuvor hatte die Gruppe ihre Bewaffnung zur angeblichen Selbstverteidigung erklärt, was schon eine klare Kampfansage war. Sie hatte dann mit dem Raub eines zapatistischen Lastwagens gezielt einen Konflikt geschaffen, die Attacke wurde in der Nacht nach einem versuchten Klärungsgespräch durchgeführt. Ich vermute, dass es der Regierung sehr wichtig ist, La Realidad zu schwächen. In diesem Caracol laufen sehr viele strategische Planungen ab.

Weiter war ich in San Marcos Avila. 2010 hatten dort die Zapatist_innen der Regierung angekündigt, dass sie ihre eigene Schule gründen werden. Daraufhin sind sie eines Nachts von bewaffneten Parteianhänger_innen aus dem Dorf vertrieben worden. Nach 4 Wochen sind sie unter dem Beobachtungsschutz einer Karawane zurückgekehrt. Alle ihre Sachen waren gestohlen, die Felder zerstört. In mühsamer Arbeit haben sie sich wieder niedergelassen und natürlich auch ihre Schule aufgebaut.

Dann war ich noch in Agua Clara ganz in der Nähe von den Wasserfällen Agua Azul. In Agua Clara hat die zapatistische Bewegung neben Land auch ein Hotel und den dazugehörigen Zugang zum Badeplatz am Fluss zurückerobert. Dieser Ort hat für sie hohe Bedeutung hinsichtlich des Kampfes gegen touristische Ausbeutung der Natur und wegen der hohen Biodiversität. Aufgrund der permanenten Bedrohungen leben dort aber nur noch 3 zapatistische Familien. Die Parteianhänger_innen versuchen ständig ihnen das Leben schwer zu machen, indem sie zum Beispiel deren Wasserleitungen zerstören. Es gibt aber auch Angriffe auf das Hotel, deshalb gibt es zur Unterstützung Wachen aus anderen Gemeinden. Aktuell haben die Bedrohungen zugenommen, als ich dort war, wurden Zapatisten auf ihrer Milpa angegriffen und verletzt.

Wenn die Bevölkerung kleinerer Ortschaften in eine zapatistische und eine staatliche Gemeinschaft geteilt ist, wie gehen die Menschen im Alltag miteinander um?

Diese Gemeinden werden gespaltene Gemeinden genannt. Der Umgang ist sehr unterschiedlich. Die Zapatist_innen verhalten sich vollkommen friedlich und führen keinerlei Provokationen oder Angriffe durch. Solange die anderen sich auch friedlich verhalten, begegnen sie diesen freundlich. Manche nutzen sogar die zapatistischen Strukturen wie zum Beispiel deren Rechtssprechung oder Gesundheitsfürsorge. Oft jedoch sind sogenannte Parteianhänger_innen verantwortlich für permanente Bedrohungen und/oder Angriffe. Hier meiden die Zapatist_innen jeden Kontakt.

In den letzten Jahren hat man sehr wenig von der zapatistischen Bewegung gehört. Die letzte größere angelegte Aktion war ja im Jahr 2006 – eine größere Rundreise um ein Kampfprogramm gegen das herrschende politische System in Mexico zu entwickeln.

Wie schätzt du die momentane Lage der zapatistischen Bewegung ein? Ist
die momentane Ruhephase eine stille Regression?

Nein, für mich hat sich die aktuelle Situation der zapatistischen Bewegung nicht wie eine stille Regression dargestellt. Meiner Einschätzung nach befindet sich die Bewegung in einer Stabilisierungsphase, nicht in einer Ruhephase. Wie ich schon erwähnt hatte wird kontinuierlich an den verschiedenen Bausteinen der Autonomie gearbeitet. Es wird sehr viel reflektiert und Strukturen gegebenenfalls verändert. Gerade die Gemeinschaftsarbeit wird nach einem genauen Plan ausgebaut.

Ich glaube, dass das auch eine sehr wichtige Phase, die sehr viel Energie schluckt. Es ist nicht immer möglich große Aktionen, die mehr nach außen gerichtet sind, zu organisieren. Wichtig ist, dass wir unsere Solidarität weiterhin aufrecht erhalten!

 

Interview von Florian Meier

Eine ausführliche Darstellung der Hintergründe der zapatistischen Revolution kann auf der Website von Carea eingesehen werden.

P1010237.JPGSchule mit dem Wandbild der lesenden Frau. Foto: Karin P.

1. Basketballkorb

Jede Fläche wird für politische Botschaften genutzt und Spiel und Spaß dürfen auch im politischen Leben stattfinden. Foto: Karin P.


9. Morelia Regierungsgebäude-2Caracolgebäude der „guten Regierung“. Foto: Karin P.

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