Ästhetische Intervention gegen die Freikorps-Gedenktafel

19.05.2016 – Am Schliersee kam es bei strömenden Regen zu einer „ästhetischen Intervention“ an einer Tafel, die den im Kampf um Schlesien Gefallenen des rechtsterroristischen Freikorps Oberland gedenkt. Die Künstler Wolfram P. Kastner und Joss Bachhofer installierten gemeinsam mit dem „Bündnis gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland“ eine neue Tafel, die die Aufschrift „Für Akzeptanz und ein friedliches Miteinander. Gegen Naziterror und Rechtsextremismus einst und heute.“ trägt.

Von Florian Meier

Die Steinplatte wurde im Jahre 1956, also elf Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, an der Sankt-Georg-Kapelle in Schliersee installiert. Ein örtlicher Teilnehmer der insgesamt 50 Antifaschist_innen sagte, dass nun seit „35 Jahren dafür gekämpft wird, dass dieser Scheiß da wegkommt. […] Doch der Pfarrgemeinderat sagt das bleibt so.“ Seit Jahrzehnten ist es im bayrischen Oberland auch nichts ungewöhnliches, dass jedes Jahr im Mai die Tafel von Alt- und Neonazis aufgesucht wird um geschichtsrevisionistische Gedenkfeiern abzuhalten. Trotz mehrerer Jahre antifaschistischer Intervention in den 2000ern treffen sie sich, mittlerweile ganz geheim, immer noch.

Das Freikorps Oberland war ein rechter paramilitärischer Freiwilligenverband in der Zeit von 1919-1921 und gilt als eine der Vorläuferorganisationen der nationalsozialistischen Bewegung. Bekannt wurde das Freikorps durch die Niederschlagung der Münchner Räterepublik, Beteiligung am Kampf gegen die „Rote Ruhrarmee“ und Mitwirken im Kampf um Oberschlesien. Während des Kampfes gegen die Münchner Räterepublik wurden mehrere tausend Münchner verhaftet und zum Teil erschossen. Erschießungen, sowohl von Zivilisten als auch Politikern der Räterepublik, ohne rechtliche Grundlage, waren in diesen Zeiten an der Tagesordnung. In vielen Berichten wurde diese Art von Mord dann als „auf der Flucht erschossen“ genannt. Durch den Versailler Vertrag, der 10.01.1920 in Kraft trat und unter anderem die Auflösung aller Freikorps beinhaltete, wurde das Freikorps Oberland eigentlich zu einer illegalen Terrororganisation. 1921 trägt sich der als „paramilitärische[r] Verband“ bezeichnete „Bund Oberland“ ins Münchener Vereinsregister ein. Die Nachfolgeorganisation des Freikorps beteiligte sich unter anderem am Hitlerputsch 1923.

Weiter meinte ein bereits etwas älterer und sehr ortskundiger Teilnehmer, sei die Tafel von einem ortsansässigen Steinmetz installiert worden: „der hat damals dafür gesorgt, dass die Tafel herkommt, hat sie eingebaut und seitdem steht sie hier.“ Die Nachfolger_innen des Steinmetz „Wunderle“, der angeblich „auch Mitglied in der SS war“, verehren auf ihrer Homepage die Taten ihres Vorfahren, der im Jahr 1908 nach Schliersee gezogen war, mit den Worten: „Noch heute zeugen zahlreiche handwerkliche Arbeiten von seinem Talent als Steinmetz“. Vielleicht wäre es ja den offensichtlich historisch sehr bewanderten Steinmetzen zwei Generation später möglich, das Schandmal auch wieder zu entfernen. Das Klima, das damals zur Installation der Tafel führte, ist in Schliersee auf jeden Fall „heute noch da.“ meint der Teilnehmer. Faktisch überprüfbar war dies auch durch die frische rote Farbe, die scheinbar erst wenige Stunden zuvor zur Erneuerung des Schriftzuges eingesetzt wurde und von den Teilnehmer_innen der Aktion angewidert verschmiert wurde.

Kritik wurde von einigen Teilnehmer_innen der Aktion geübt, die mit der Beschaffenheit der neuen Tafel, die nur aus einer dünnen Plastikplatte besteht, nicht besonders zufrieden waren. Auch die Installation mit doppelseitigen Klebeband in die Nische in der sich die Freikorps-Gedenktafel befindet wurde bemängelt. Bedeutend ist hier wohl eher die symbolische Wirkung, denn wie es bereits die offensichtlich fehlgeschlagene bzw. ausgebliebene Entnazifizierung der Alliierten gezeigt hat, sollte man, wenn man vom Nazismus redet, bei der Benutzung des Presslufthammers nicht zögern.

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