Den Mördern unterm Edelweiß

Beim Kreta-Gedenken im oberbayerischen Bad Reichenhall wurde am heutigen Vormittag den Kriegsverbrechern der Bad Reichenhaller Gebirgsjäger gedacht

Von Anselm Schindler

„Wegen Freischärlerei, Fledderei oder unerlaubten Waffenbesitzes wurden vom Standgericht abgeurteilt und erschossen: 146 männliche und 2 weibliche Personen.“ Diese Worte stammen aus einem Tätigkeitsbericht der 5. Division der Reichenhaller Gebirgsjäger. Die hatten im Mai 1941 im Rahmen des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Insel Kreta zahlreiche Kriegsverbrechen begangen. Am heutigen Vormittag wurde an der Kreta-Brücke in Reichenhall den Toten gedacht – vor allem an die von kretischen Partisanen getöteten deutschen Invasoren wird sich in Reichenhall gerne erinnert, und damit an die Täter. Die ja auch irgendwie Opfer seien, wie Georg Seifritzberger von der Reichenhaller Gebirgsschützenkompanie meint. Denn: „Wer will schon sterben?“

Das Kreta-Gedenken war in diesem Jahr so schwach besucht wie selten, nur rund 40 Reichenhaller_innen tummelten sich heute Vormittag um das Rednerpult, an dem Bürgermeister Herbert Lackner (CSU) irgendetwas von „Versöhnung“ redete. Unter ihnen Gebirgsjäger der nahen Bundeswehr-Kaserne, Mitglieder des Schützenvereins und des örtlichen Kameradenkreises. Von den am Überfall auf Kreta Beteiligten ehemaligen Soldaten ist nur einer erschienen, viele von ihnen gibt es ohnehin nicht mehr. Was die Partisan_innen nicht schafften erledigt die Zeit.

Als „Frechheit“ bezeichnete ein Sprecher des antifaschistischen Rabatz-Bündnisses bereits am Samstag, „dass sich Herr Bürgermeister Lackner an einem Tag einen Überlebenden des Kreta-Massakers empfängt und wenige Tages später an der Kreta-Brücke die Schuld der Täter relativiert“. Am vergangenen Samstag organisierte das Rabatz-Bündnis im Reichenhaller Kurgastzentrum ein Hearing mit Zeitzeugen, einem Anwalt und Historiker_innen, die von Deutschland Entschädigungszahlungen für die Zerstörung fordern. Beim Hearing sprach auch der 93-jährige Partisan und Überlebende des Massakers von Skines, Nikolaos Marinakis.

Das Rabatz-Bündnis organisiert seit Jahren schon Proteste gegen rechte Traditionspflege und Geschichtsrevisionismus in Bad Reichenhall. Mit ihren Interventionen im Kurort hat das Bündnis bereits unter Anderem erreicht, dass die örtliche, nach dem SS-Schlächter General-Konrad-Kaserne benannte Bundeswehr-Kaserne, in Hochstaufen-Kaserne umbenannt wurde. 2011 kam es in Reichenhall zum ersten Mal zu nennenswerten Protesten gegen das SS-Gedenken, das Neonazis aus Oberbayern am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nazismus, gerne in Reichenhall abhalten. Seitdem ist das Gedenken an die Toten Reichenhaller Soldaten ein Politikum geworden. Und die Stadt versucht sich um die Konfliktlinien herumzulavieren, den Kameraden nicht in den Rücken zu fallen, aber auch nicht als Relativierer dazustehen. Das ist der Konflikt in dem sich auch Bürgermeister Herbert Lackner befindet. Er hat „leider keine Zeit für die Presse“, an diesem Mittwoch-Vormittag.

In Reichenhall gibt es sie immer noch, die Hartgesottenen. Einer von ihnen ist J. Wagner, der seinen ganzen Namen lieber nicht in den Medien sehen will. 71 Jahre ist er alt, graue Haare, schwach auf den Beinen, aber unbeirrbar: Auch als die anderen Teilnehmer_innen des Gedenkens die Veranstaltung schon längst verlassen haben steht Wagner immer noch vor dem Kranz, den der Kameradenkreis um die Gebirgsjäger am Kreta-Gedenkstein abgelegt haben. „Herr Wagner, wie stehen sie denn zum Vorwurf, dass hier in Reichenhall immer noch Mörder zu Opfern und Helden stilisiert werden?“ Wagner schüttelt den Kopf und antwortet mit einer Gegenfrage: „Wir reden immer nur über die deutschen Verbrechen, aber was haben die Alliierten denn gemacht?“

Ein Unbeirrbarer eben. Doch es geht noch weiter: „Für jeden Soldaten, den die Partisanen erschossen haben, durfte man laut der Haager Landkriegsordnung zehn Geiseln erschießen“, ist Wagner überzeugt. Solche Sätze sollen rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen ist. Die Regelungen der Haager Landkriegsordnung schloss, wenn man sie entsprechend auslegte, Geiselnahmen und die Erschießung von Zivilisten als Repressalie tatsächlich nicht grundsätzlich aus, feste Quoten gab es dabei allerdings nicht. Verordnungen als moralische Ausflucht: Es gab Orte in Deutschland, da schlug die Entnazifizierung der Alliierten besonders fehl, Reichenhall scheint einer dieser Orte zu sein.

Als die deutschen Soldaten die Ortschaft Skines umzingeln, wird auf sie geschossen, zur Vergeltung brennen die Deutschen den ganzen Ort nieder. Insgesamt ermordete die Wehrmacht auf Kreta rund 3500 Zivilist_innen und zerstörten 30 Dörfer. Nach dem Krieg bauten die nach Skines zurück gekehrten Einwohner_innen an der Kreuzung nach Alikianos ein Denkmal für die von den Deutschen erschossenen Widerstandskämpfer_innen. In Bad Reichenhall hat man sich für das Gegenteil entschieden.

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Tänze statt Kränze: Foto: Anselm Schindler/muscovado
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