Generation Ypsilon

Generation Y: Eine Abrechnung

  1. April 2016 · von muscovadoro · in Allgemein. ·

Individuell, alternativ und fortschrittlich, dafür halten sich viele junge Menschen und Heranwachsende. Soziolog*innen haben denen, die zwischen 1990 und 2010 Teenager waren,  den Namen Generation Y gegeben, was englisch ausgesprochen wie „why“ klingt. Warum?  Weil diese Generation angeblich alles hinterfragt. Mit der Realität hat das aber wenig zu tun. Findet zumindest unser Autor.

Von Anselm Schindler

Sie wirken fotogen, wie sie da an der Isar sitzen. Mal sehen, was die jungen Leute so umtreibt, denke ich mir, als ich mich auf die großen Kiesel setze, die im Herzen Münchens den Flusslauf der Isar säumen. Ich lege mir gedanklich einige Fetzen für den Smalltalk zurecht und nippe noch mal an meinem Bier. „Und, was machst du so?“, fragt die junge Frau neben mir, um mir nach einer knappen Antwort ihren Lebenslauf aufzutischen. Ich komme mir vor wie in einem Bewerbungsgespräch und hole noch mehr Bier aus meiner Tasche. Um uns herum plappert eine Horde Praktikant_innen von Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ich errechne mir die Chancen, die nächste S-Bahn zu erwischen, um der Situation zu entfliehen.

Wenn man an Jugend denkt, assoziiert man damit zumeist etwas Wildes, Impulsives. Der Generation Y wird oft nachgesagt, mehr nach Abenteuern und nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Stimmt das? Die Gruppe auf die sich das Y bezieht ist in der Realität oft eher damit beschäftigt, einen sicheren, gut bezahlten Job zu ergattern. Was auch daran liegt, dass es zunehmend schwerer wird, ein solches Arbeitsverhältnis zu bekommen. Das zeigt auch eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB): Knapp 40 Prozent der jungen Arbeitnehmer_innen sind prekär beschäftigt, wie aus dem „DGB-Index für junge Beschäftigte“ hervorgeht. Prekär bedeutet, dass diese Menschen Leiharbeit, Minijobs oder unfreiwilliger Teilzeit nachgehen. Laut DGB arbeiten zwei Drittel der unter 30-Jährigen mehr als arbeitsvertraglich vereinbart, oft auch nach Feierabend, am Wochenende und im Urlaub. Und das hat selten den Grund, dass die Arbeit so viel Spaß macht: Es dominiert die Sorge um den Jobverlust.

Auch die gerne geäußerte Behauptung, die jungen Arbeitnehmer*innen, Studierenden und Schüler*innen seien weniger leistungsfixiert als die Generationen zuvor, hält Umfragen nicht stand: Laut einer Studie des Unternehmens „Consulting Cum Laude“, welches von sich behauptet, zu wissen, „wie die Generation Y tickt“, achten nur etwa 21 Prozent der Generation in Karrierefragen primär auf die innere Zufriedenheit. “Die Generation Y ist in ihrer Mehrzahl leistungswillig und sehr zielstrebig”, sagt Roman Diehl, Auftraggeber der Analyse. Immer bereit, die Ideale und Wünsche der Kindheit für den beruflichen Aufstieg zu begraben. Das ganze wird dann noch mit Modernität bepinselt, vielleicht in neongelb oder mit irgendwelchen hippen Sprüchen, die man auf unzähligen Blogs wie karriere.de findet: „Mehr Leichtigkeit im Arbeitsleben“.

Ihre beruflichen Ziele können auf dem freien Markt natürlich nicht alle erreichen. Und die daraus hervorgehende permanente Konkurrenz erzeugt auch das Gefühl, immer und überall etwas Besonderes sein zu müssen. Individualismus wird ganz groß geschrieben, man will kreativer, aufgeweckter und schneller sein als die Anderen. Trotzdem erwartet das Personalmanagement Teamfähigkeit und Sozialkompetenzen. Um gemeinsam besser zu sein als andere Teams, Unternehmen, Nationen.

Der Hipster ist der Inbegriff dieser absurden Form von Individualismus. Selbstbemalte Jutebeutel, Tattoos und Salafisten-Bärte. In Armeestärke auftretend verschwinden die kreativen Individuen mit ihren innovativen Ideen in einer amorphen Masse, die nicht fähig ist, sich als Kollektiv zu denken. Und damit nicht fähig sein wird, kollektive Herausforderungen wie den Klimawandel zu überstehen. Und die, die durch Rausch und Traum versuchen aus dieser Realität zu fliehen vervollständigen dieses Bild. Auch die Modedrogen-Hippies sind nur Fratzen des bürgerlichen Individualismus. Vereinzelt, ohne gesellschaftliche Alternative.

Am Ende des Abends am Ufer der Münchner Isar bleibt einer der Praktikanten alleine sitzen. Er dreht einen Joint nach dem anderen. Und ärgert sich das niemand mit ihm kiffen will. Der Rausch schadet der Selbstoptimierung. Am Ende des Abends wird er liegen bleiben, er wolle noch die Steine zählen sagt er. „Am Grunde der Isar da wandern die Steine“ könnte man in Anlehnung an Bertolt Brecht sagen, den viele wohl aus dem Leistungs-AK des Gymnasiums kennen. „Die Nacht hat zwölf Stunden dann kommt schon der Tag“.

Was denkst du über die Generation Y? Schreib es in die Kommentarspalte!

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Am Grunde der Isar da wandeln die Steine. Foto: Anselm Schindler

 

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