Waffenbrüder

Auch wenn Erdoğans Türkei in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit zunehmend in die Kritik gerät und sich in Syrien strategische Differenzen zwischen dem AKP-Regime und der Nato auftun: An der deutschen Unterstützung für das Regime am Bosporus wird das nichts ändern. Denn entwickelt hat sich der türkische Staat und sein Hegemonie-Anspruch im Nahen Osten in Wechselwirkung zu geostrategischen und ökonomischen Interessen deutscher Staaten. Und die gegenseitigen Abhängigkeiten sind auch heute noch wirksam.

Die enge Verzahnung deutsch-türkischer Interessen gilt nach wie vor als das Patent-Rezept für die Durchsetzung deutscher Interessen im Mittleren Osten, als »strategische Imperative für die EU«, um es mit den Worten des ehemaligen Bundeswehrinspekteurs Klaus Naumann zu sagen. Diese Einschätzung teilen deutsche Militärs, Ökonomen und Politiker_innen seit mehr als einem Jahrhundert. „Einzig und alleine eine politisch und militärisch starke Türkei“ ermögliche es dem Deutschen Reich, „die großen Aussichten, welche sich in den Ländern am Euphrat und Tigris für die Vergrößerung unseres Nationalvermögens und die Verbesserung unserer wirtschaftlichen Bilanz bieten“ in die Tat umzusetzen. Das schreibt der deutsche Kolonialstratege Paul Rohrbach im Jahr 1902. „Für eine schwache Türkei keinen Pfennig, für eine starke, soviel nur irgend gewünscht wird“.

Als sich das 18. Jahrhundert dem Ende zuneigt, drängt die deutsche Wirtschaft auf einen „Platz an der Sonne“, wie es ein Staatssekretär des Auswärtigen Amtes 1897 im Reichstag formulierte. Das deutsche Großmachtstreben war lange Zeit eher auf Europa fixiert, im Nahen Osten hatten längst Frankreich und England das Sagen. Im Wettlauf um die Kolonialisierung der nicht-europäischen Welt ist das Deutsche Reich zu Beginn des 19. Jahrhunderts ohnehin weit abgeschlagen. Mit dem Bau der Bagdad-Bahn zwischen Konya (heute Türkei) und der Hauptstadt des heutigen Irak, die Rohstoffe und Einfluss versprechen, witterten die deutschen Industriellen, Banker und Politiker eine Chance, sich ihren Platz an der Sonne doch noch zu sichern. Seit Anfang der 1880er Jahre sind deutsche Ingenieure mit der Entwicklung von Plänen zum Bau der Bahn beauftragt. Für die Übernahme der Konzessionen bietet sich die Deutsche Bank an. Bis dato war das Osmanische Reich stark von französischen Großbanken abhängig, welche auch die Banque Impériale Ottomane kontrollierten.

Auch auf militärischem Gebiet bietet sich das deutsche Reich den Osmanen an: 1882 suchte der Osmanische Herrscher Sultan Abdülhamid II. einen neuen Stab militärischer Berater. Der preußische Offizier Graf von Moltke, der den Osmanen bereits bei der Niederschlagung kurdischer Aufstände beratend zur Seite gestanden hatte, entsendet daraufhin Otto Kähler, einen preußischen General, nach Konstantinopel (heute Istanbul). Kähler soll dem Sultan bei der Umstrukturierung des osmanischen Heeres behilflich sein. Die militärische Unterstützung des Osmanischen Reiches, auf dessen Kerngebiet sich einige Jahrzehnte später der moderne türkische Staat konstituieren sollte, ist freilich nicht der Selbstlosigkeit der preußischen Strategen geschuldet: Otto Kähler ist seines Zeichens eng mit der Rüstungsfirma Krupp (heute ThyssenKrupp AG) verbandelt. Deutsche Rüstungskonzerne wittern in der Aufrüstung des Osmanischen Reiches eine große Chance und hoffen auch im zivilen Bereich  Großindustrielle am Bosporus auf neue Absatzmärkte. ”Das wichtigste Operationsfeld des deutschen Imperialismus wurde die Türkei“, wird die Marxistin Rosa Luxemburg einige Jahre später analysieren, „sein Schrittmacher hier die Deutsche Bank und ihre Riesengeschäfte in Asien, die im Mittelpunkt der deutschen Orientpolitik stehen”.

Als 1902 der Bau der Bagdadbahn unter deutscher Federführung beginnt, sichert sich eine Aktiengesellschaft der Deutschen Bank zugleich Schürfrechte im mesopotamischen Ölgebiet um Mossul und Basra.

Wenige Jahre später, wir schreiben das Jahr 1908, putscht sich die Bewegung der Jungtürken an die Macht. Sie tritt an, um das Osmanische Reich in eine moderne türkische Republik zu verwandeln. Die Jungtürken orientieren sich an Europa, bereits seit ihrer Gründung wird die Bewegung auch von national-liberalen Publizisten und Ökonomen aus Deutschland unterstützt. Die türkisch-nationalistischen Revolutionäre wissen, dass eine neue Ideologie her muss um den politischen Islam zu verdrängen und eine moderne, säkulare Türkei zu schmieden. Wie auch in vielen anderen Teilen der Welt löst mit der Industrialisierung der Nationalismus die Religion als die herrschende Deutungsmach

tüff tüff
tuff tuff tuff, die Weltgeschichte. Mit dem Bau der Bagdad-Bahn witterte der deutsche Imperialismus neue Chancen in Nah-Ost. Foto: wikimedia.org

t ab. In der türkisch-nationalen Staatwerdung ist aber kein Platz für Minderheiten. Auf einem Drittel des türkischen Staatsgebietes leben zur Zeit der Machtergreifung der Jungtürken mehrheitlich Armenier_innen, Kurd_innen und andere Minderheiten. Sie passen nicht ins Bild einer homogenen Türkei: In den Folgejahren wird die kurdische Sprache verboten, Dörfer werden umbenannt, Namen türkisiert. Das Ziel einer einheitlichen Nation endet für hunderttausende Angehörige der alevitisch-kurdischen und armenischen Minderheit mit dem Tod.

Der beginnende Erste Weltkrieg liefert für die Vernichtungspolitik den perfekten Deckmantel. Für den Bau der Bagdadbahn stellte die osmanische Heeresleitung den Deutschen Ingenieuren tausende armenische Zwangsarbeiter zur Verfügung. Die Arbeiter wurden in Konzentrationslagern entlang der Bagdadbahn interniert. Ziel der Jungtürken war es damals, dass auf türkischem Staatsterritorium keine nicht-türkische Ethnie mehr als sechs Prozent an der Gesamtbevölkerung bilden sollte. Deutschland ist im Weltkrieg der wichtigste Verbündete des Osmanischen Reiches und übte über eine Militärmission erheblichen Einfluss auch auf die osmanische Heeresleitung aus. Etwa 800 deutsche Offiziere waren integraler Bestandteil der türkischen Armee, gehörten ihrem Kommando und ihrem Generalstab an. Im Laufe des Weltkrieges verwandelte sich der Staat der anfänglich demokratisch gesinnten jungtürkischen Bewegung mehr und mehr in eine Diktatur. Der Erste Weltkrieg wird von Historiker_innen gerne als die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Das trifft auch auf die Türkei zu.

Ab Frühjahr bis zum Winter 1916 werden die am Bau der Bagdad-Bahn beteiligten armenischen Zwangsarbeiter systematisch durch Massenverbrennungen – teils in Höhlensystemen – ermordet und systematisch massakriert. Dem Völkermord fallen insgesamt bis zu 1,5 Millionen Menschen zum Opfer. Die Vernichtungspolitik gegen die Armenier_innen wird von großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit verschwiegen oder gebilligt. Als „hart, aber nützlich“ bezeichnet Hans Humann, Marineattaché an der deutschen Botschaft in Konstantinopel den Genozid. Widerstand gegen die deutsche Unterstützung des Völkermordes gibt es im Deutschen Reich kaum. Nur aus der Arbeiterbewegung wird Kritik laut, so befasst sich der sozialistische Reichstags-Abgeordnete Karl Liebknecht in einer Rede mit dem Genozid: „Die türkische Regierung hat ein furchtbares Gemetzel unter den Armeniern angerichtet; alle Welt weiß davon – und in aller Welt macht man Deutschland verantwortlich, weil in Konstantinopel die deutschen Offiziere die Regierung kommandieren.“

Der Erste Weltkrieg endet für das Osmanische Reich – wie für seine deutschen Verbündeten – in einem Desaster. Die Siegermächte England und Frankreich zerteilen das ehemalige Großreich in Einflusssphären. Die Gebiete des heutigen Syriens und des Libanon gehen an Frankreich, der heutige Irak und Jordanien an England. Auch das anatolische Kerngebiet des Osmanischen Reiches wollen die Alliierten zerstückeln und stoßen damit auf erbitterten Widerstand seitens der Jungtürken. Im Vertrag von Sèvres beschließen die Siegermächte Frankreich und England die Zerteilung des Osmanischen Reiches, inklusive der des Kerngebietes Anatoliens. Sèvres ist das Pendant zum Versaille des Deutschen Reiches.

1919 beginnt der Türkische Befreiungskrieg gegen Armenien, Griechenland und die französische Besatzungsmacht. Der Krieg endet 1923, ihm folgt die Gründung der Türkischen Republik. Für die kurdischen und armenischen Autonomiegebiete, die ursprünglich im Vertrag von Sèvres vorgesehen waren, ist in dieser Republik kein Platz. Ein Jahr nach dem Ende des Befreiungskrieges verbietet eine Verordnung alle kurdischen Schulen, Vereinigungen und Veröffentlichungen. Auch die Ausübung der kurdischen Sprache wird unter Strafe gestellt.

Der Kampf der Jungtürken gegen den von den Alliierten aufgezwungenen Vertrag von Sevres übt auch auf deutsche Nationalisten große Faszination aus. Die entstehenden NSDAP blickt Ende der zwanziger Jahre mit Neid nach Ankara. In Mustafa Kemal, dem Führer der Jungtürken, sehen die Nazis den starken Mann, einen völkischen Modernisierer, der das erreicht hat, wovon sie träumen: Die Schaffung eines starken homogenen Nationalstaates gegen den Willen der Siegermächte des Ersten Weltkrieges. Es ist deshalb keine Überraschung, dass sich mit der Machtübernahme der Nazis die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei verstärken. Betrug der deutsche Anteil türkischer Importe im Jahr der Machtübernahme knapp 26 Prozent, kletterte er bis zum Jahr 1938 auf einen Anteil von 43 Prozent.

Als sich der Beginn des Zweiten Weltkrieges abzeichnet, wirbt Deutschland um die Unterstützung der Türkei. Mit einem Schlingerkurs schafft es der damalige Präsident der Türkischen Republik, İsmet İnönü, sein Land weitestgehend aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten. Nach Kriegsende tritt die Türkei der Nato bei, auch ökonomisch erfolgt die weitere Anbindung an den Westen. Das spiegelt sich in der Außenhandelsbilanz der Türkei, mit dem deutschen Wirtschaftswunder wird die BRD der wichtigste Handelspartner Ankaras, ab 1961 kommen zunehmend türkische Gastarbeiter_innen nach Deutschland. Auch militärisch – als Teil der Nato – orientiert sich die Türkei am Westen, als 1990 der Zweite Golfkrieg der USA gegen Saddam Hussein beginnt stellt sich Ankara auf die Seite der USA.

Einen qualitativen Sprung erleben die Beziehungen zwischen der Türkei und dem westlichen Machtblock mit dem Aufstieg der rechtskonservativen AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung). Die Partei setzt kurz nach der Jahrtausendwende das um, was in Zentraleuropa schon seit Magret Thatcher ganz oben auf der Tagesordnung steht: Den Neoliberalismus. Unter dem Liberalisierungs-Druck aus Europa erlebt die Türkei eine massive Privatisierungswelle, massenhaft werden staatliche Betriebe privatisiert, an allen Fronten, vom Arbeitsrecht bis hin zu Freihandelsbeschränkungen werden staatliche Regularien abgebaut. Die Investitionen für Kredite und den Aufkauf von ehemals staatlichem Eigentum kommen zu großen Teilen aus Europa, genauer gesagt aus Deutschland. Seit der AKP-Ära sind hunderte Milliarden ausländisches Kapital ins Land geflossen. Dem krassen Wirtschaftswachstum der Türkei liegt die Abhängigkeit von Kapitalströmen aus Europa und den USA zugrunde.

Einzig der Krieg in Syrien vernebelt seit einigen Jahren die Schönwetterlage der deutsch-türkischen Beziehungen. In Syrien gerät die sunnitische Macht-Achse (Türkei/Saudi-Arabien) zunehmend in Widerspruch zu den Interessen der EU und USA. Das zeigt sich beispielsweise an der offenen Unterstützung, welche der Islamische Staat durch die Türkei und die Golf-Monarchien erfahren hat. Doch die Streitereien zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan und den Führungskräften westlicher Staaten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Interessen der beiden Machtblöcke im Dreieck Balkan-Kaukasus-Naher Osten in den meisten anderen Fragen decken. Das einzige, was sich in den Beziehungen zwischen der Türkei und dem westlichen Machtblock geändert hat, ist die stärkere Verhandlungsposition der AKP gegenüber der EU. Als Verhandlungsmasse führt die Türkei die rund zweieinhalb Millionen syrische Flüchtlinge, die auf ihrem Staatsgebiet überleben, an.


Angesichts der wechselseitigen Abhängigkeiten ist es kaum verwunderlich, dass sich die deutsche Regierung in ihrer Kritik an den Menschenrechtsverletzungen in türkisch-Kurdistan und an der Unterstützung des
Erdoğan-Regimes für den Islamischen Staat zurückhält. Auf den Punkt bringt es Murat Çakır, Türkei-Experte bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, in der aktuellen Ausgabe des Kurdistan-Report: Es sei falsch, schreibt Çakır, die Türkei-Politik der Bundesregierung als verantwortungslos zu charakterisieren. Denn mit dem Gewähren-lassen Erdoğans setzten die westlichen Eliten nur ihre „Klassenpolitik konsequent durch und verfolgen genau das, wofür sie stehen: die Wahrung der ökonomischen, politischen, strategischen Interessen des Kapitals.“

Die Zusammenarbeit mit dem AKP-Regime ist für Deutschland und den Rest der EU aus inneren Sachzwängen heraus alternativlos. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Kämpfe für die demokratische Autonomie der kurdischen Siedlungsgebiete und für eine Demokratisierung der Türkei können nur gegen die kapitalistischen Hegemonie-Bestrebungen westlicher Staaten geführt werden.

Von Anselm Schindler

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s