Langer Marsch, jähes Ende

Einige Tage lang marschieren kurdische Linke durch Baden-Württemberg. Dann werden sie von der Polizei gestoppt. Bundesweit formiert sich Protest gegen die Politik des türkischen Staatschefs Erdoğan.

von Anselm Schindler

Es ist ein verregneter Montag-Vormittag und die Stuttgarter Innenstadt, Stau-Metropole Nummer Eins, hat gerade das allmorgendliche Verkehrschaos hinter sich gebracht. Die Straßen sind wie leergefegt, als sich vor einem kurdischen Kulturzentrum eine Menschenmenge versammelt. Es sind 200 bis 300 Menschen die hier zusammenkommen, um gegen den türkischen Staat und seine Unterstützer in den Parlamenten und Chefetagen Europas zu demonstrieren. Das Ziel liegt mehr als 130 Kilometer Fußmarsch entfernt, in Straßburg soll an diesem Wochenende auch für die Freilassung von Abdullah Öcalan, dem Vorsitzenden der kurdischen Arbeiterpartei PKK demonstriert werden. Die Strecke wird in sechs Etappen zurückgelegt, der Meşa dirêj, zu deutsch langer Marsch, führt über Hügel, durch Wälder und Städte Baden Württembergs.

Die Frauen laufen an der Spitze des Marsches. "Jin, Jiyan, Azadi" - "Frau, Leben, Freiheit" lautet hallt es durch die Straßen, die Revolution in den türkischen und syrischen Teilen Kurdistans ist auch ein Aufstand gegen das Patriarchat. Foto: Roja Ciwan
Die Frauen laufen an der Spitze des Marsches. „Jin, Jiyan, Azadi“ – „Frau, Leben, Freiheit“ lautet hallt es durch die Straßen, die Revolution in den türkischen und syrischen Teilen Kurdistans ist auch ein Aufstand gegen das Patriarchat. Foto: Roja Ciwan

Am Morgen des ersten Marsch-Tages verbreitet sich die Info, dass in der vergangenen Nacht in Cizire, einer Kleinstadt türkisch-Kurdistans, wieder zahlreiche Zivilisten getötet wurden. Die kurdische Nachrichtenagentur ANF berichtet von rund 70 Menschen, massakriert in einem Kellergewölbe. Die Belagerung durch die Armee und Polizei des türkischen Staates kostet in den kurdischen Städten des türkischen Staatsgebietes inzwischen täglich Menschenleben. Die Stadt Cizire wird seit Monaten belagert, so wie viele anderen Städte, in denen die kurdische Bevölkerung eine basisdemokratische Selbstverwaltung errichtet hat und den vom Staat eingesetzten Provinzgouverneuren die Legitimation aufgekündigte. „Biji YPS“ dröhnt es durch die Stuttgarter Innenstadt, „Yekîneyên Parastina Sivil“ – Zivile Volksverteidigungseinheiten – so nennen sich die Einheiten, die die Bevölkerung türkisch-Kurdistans gegründet hat um sich und die erkämpfte Selbstverwaltung zu schützen.

Auch in Deutschland formiert sich zunehmend außerparlamentarischer Widerstand gegen das, was der türkische Staat in den kurdischen Teilen des Landes anrichtet. Zeitgleich zum Meşa dirêj gehen bundesweit tausende kurdische, sowie einige deutsche Linke auf die Straße um gegen die gezielte Tötung von Zivilisten zu demonstrieren, in sozialen Netzwerken machen Fotos die Runde in denen türkische Soldaten vor halb nackten hingerichteten Frauen posieren. Und dann ist da noch Angela Merkel und eine Regierung, der von Menschenrechtsorganisationen in dieser Sache Untätigkeit vorgeworfen wird.

Merkel gibt Erdogan Milliarden Euro, damit er ihr die Flüchtlinge vom Leib hält, aber Erdogan ist doch mitverantwortlich für die Flüchtlinge, auch, weil er den IS unterstützt!“, so sagt es Dîlovan, eine Aktivistin des kurdischen Studierendenverbandes YXK. Und so sehen es hier viele, „Deutschland finanziert, Türkei bombardiert“ ist eine der Parolen die am häufigsten gerufen werden. Laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF und Civaka Azad, dem kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit, sind inzwischen rund 200.000 Menschen vor den Militäroperationen des türkischen Staates auf der Flucht.

Natürlich läuft auch der Marsch nicht ohne Reibung ab. Als am Donnerstag türkische Nationalisten versuchen, den Aufzug zu stören fliegen Steine auf ihr Auto, eine Polizistin wird leicht verletzt. Daraufhin umstellt die Polizei die Demonstration, zieht die Teilnehmer_innen einzeln heraus um sie zu fotografieren. Als der Marsch am Freitag Vormittag in Raststatt fortgesetzt werden soll, wird die Menge von der Polizei umstellt. Mit Bussen werden die Aktivisten zum Bahnhof gebracht, der restliche Marsch wird untersagt. Als Grund nennt die Polizei die Eskalation vom Vortag, die Reststrecke bis nach Straßburg müssen die Aktivist_innen mit der Bahn zurücklegen.

Dabei lief der Marsch in den Tagen zuvor recht gesittet ab: Als sich die Demonstrierenden von Stuttgart entfernen, durchqueren sie Wälder und überqueren Hügel, die Stimmung ist gut, auch, wenn sich viele hier schon heiser geschrien haben und es viel regnet. Irgendwo an den nördlichen Ausläufern des Schwarzwaldes, in der Hügellandschaft zwischen Pforzheim und Karlsruhe, marschiert die Demonstration durch ein verschlafenes Dorf. Migrantische Linke trifft auf alteingesessene Dorfgemeinschaft. Sichtbar irritierte Ortsansässige drücken sich an den Fensterscheiben die Nasen platt. Nicht alle hier haben Verständnis für die Demonstration, „Gastrech verwirkt“, kommentiert ein mürrischer Passant den Marsch.

Als sich kurz vor Karlsruhe einige deutsche Antifas anschließen wollen, will die Polizei sie aufhalten. „Das ist nicht eure Demo, habt ihr was eigenes angemeldet?“ fragt einer der Beamten und sorgt damit für Gelächter. Denn der Konflikt verläuft längst nicht mehr entlang ethnischer Linien, „hoch die internationale Solidarität“, hallt es aus der Menge, als die Antifas dazustoßen. Auch in den Reihen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten Syriens und der Türkei kämpfen längst Menschen aus aller Welt. Und dieser Kampf sei „absolut notwendig“ sagt Aktivistin Dîlovan. Denn seit seiner Existenz habe der türkische Staat Millionen von Menschen getötet, um sich und seine nationale Existenz aufrecht zu erhalten. Und das, findet Dîlovan, müsse endlich aufhören. Mit Spannung blickt die kurdische Bewegung auf das Frühjahr. Denn derzeit sitzt die Guerilla der kurdischen Arbeiterpartei PKK eingeschneit in den Bergen fest. Wenn der Schnee schmilzt wird sich das ändern.

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