Unter Schirmen für die internationale Solidarität

Zwischen Rosenheim und der Stadt Cizre im türkischen Teil Kurdistans liegen mehr als dreitausend Kilometer. Die Aktivist_innen, die sich an diesem Samstag-Nachmittag auf einer Kundgebung am Rosenheimer Salingarten mit der Befreiungsbewegung in Kurdistan solidarisieren ernten teils verwunderte Blicke von Passant_innen. „Was geht uns das an“, werden sich viele von ihnen fragen.

In Deutschland verboten: Die Kurdische Arbeiterparte PKK. Foto: Jan Pjöng
In Deutschland verboten: Die Kurdische ArbeiterInnenpartei PKK. Foto: Jan Pjöng

„Viel“ ist die Antwort der rund 80 Aktivist_innen, die trotz regnerischem Wetters zur Kundgebung gekommen sind, die von der Rosenheimer Demokratischen Jugend (AGIR) in Zusammenarbeit mit dem Alevitischen Kulturverein organisiert wurde. „Auch an den Händen der deutschen Regierung klebt das Blut kurdischer Zivilisten“, erklärt einer der Aktivisten am Mikrofon. „Die Fahrzeuge, die Panzer mit denen die türkische Armee die Städte belagert, woher stammen sie? Die Gewehre mit denen Menschen ermordet werden – wo wurden sie fabriziert?“. Die Antwort: Deutschland. Auch aus Bayern, vom Münchner Panzerfabrikanten Krauss-Maffei Wegmann beispielsweise.

Seit Monaten tobt in den kurdischen Teilen der Türkei eine blutiger Krieg. Das islamistisch-nationalistische türkische AKP-Regime geht mit voller Härte gegen die Selbstverwaltungsstrukturen in kurdischen Städten vor. Die Menschen wehren sich mit Barrikaden, seit vielen Jahren schon werden in türkisch-Kurdistan basisdemokratische Rätestrukturen aufgebaut, in denen die Bevölkerung die Geschicke selbst in die Hand nimmt. Es ist ein Angriff gegen das Gewaltmonopol des türkischen Staates, und der antwortet mit Ausgangssperren, mit Erschießungen und Scharfschützen, die auf Dächern und Minaretten lauern.

Unter Schirmen für die internationale Solidarität. Foto: bavarian.aperture
Unter Schirmen für die internationale Solidarität. Foto: bavarian.aperture

Gerade in den letzten Tagen hat die Repression ein neues Level erreicht, am Samstag wurden in Izmir 48 Frauen auf politischen Demonstrationen in Untersuchungshaft genommen. 35 Frauen, darunter die HDP-Ko-Vorsitzende von Izmir, Dilek Aykan, wurden inhaftiert, nachdem sie an einer Demonstration zum Andenken an sechs ermordete kurdische Frauenaktivistinnen teilgenommen hatten. Weit mehr als 20 demokratisch gewählte Bürgermeister_innen der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP) wurden in den vergangenen Monaten aus ihren Ämter geholt und sitzen in Untersuchungshaft. Erst heute morgen wurden in der tükisch-kurdischen Stadt Van zwölf jugendliche  von einer Spezialeinheit des türkischen Staates erschossen. Acht der Jugendlichen waren Aktivist_innen der HDP (Demokratische Partei der Völker), bei den vier anderen Jugendlichen handelt es sich nach ersten Erkenntnissen um Mitglieder der Guerilla.

9. Januar: Das Datum der Kundgebung war mit Bedacht gewählt. An diesem Tag wurden vor drei Jahrn die kurdischen Aktivistinnen Fidan Dogan, Leyla Soylemez und Sakine Cansiz durch Schüsse in Bauch, Kopf und Genick in Paris ermordet. Hinter dem Attentat, das von einem türkischen Nationalisten ausgeführt wurde, steckt mutmaßlich der türkische Geheimdienst MIT. Damals, vor drei Jahren, war der Friedensprozess in der Türkei in aller Munde, nachdem die Volksverteidigungseinheiten der Kurdischen Arbeiterpartei PKK schon mehrfach einen einseitigen Waffenstillstand umgesetzt hatten, lies auch der türkische Staat die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der „Kurdenfrage“ aufkeimen.

Auch von der Trauer um die vielen toten Zivilist_innen in Kurdistan ließen sich die Aktivist_innen nicht vom Tanzen abhalten. Foto: bavarian.aperture
Auch von der Trauer um die vielen toten Zivilist_innen in Kurdistan ließen sich die Aktivist_innen nicht vom Tanzen abhalten. Foto: bavarian.aperture

Mit dem Attentat in Paris wurde diese Hoffnung zerstört. Drei Jahre später ist der Bürgerkrieg in den kurdischen Teilen der Türkei wieder in vollem Gange, die Intensität der Auseinandersetzungen erinnert an die 90er Jahre, in denen der türkische Staat ganze Dörfer niederbrannte und tausende Kurd_innen vertrieb.

Von Anselm Schindler
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