Köln: Setzen, sechs!

Setzen, sechs! Themaverfehlung: Die aktuelle Debatte um die schweren sexistischen Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof hätte die Chance geboten, einmal ernsthaft über Sexismus, Gewalt und die Rolle von Frauen in der Gesellschaft, auch in migrantischen Kreisen, zu diskutieren. Nun dient die Empörung über die Vorfälle aber wieder nur als Feigenblatt für die ausgelutschte Diskussion über Flüchtlinge und als Argument für Asylrechtsverschärfungen. Das wird dem Thema nicht gerecht.

Gesprächsstoff jenseits des populistischen Geschreis in den Kommentarspalten sozialer Medien gäbe es jedenfalls eine Menge: Denn sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen finden nicht nur an deutschen Hauptbahnhöfen statt: Jede vierte verheiratete Frau erlebt in der Ehe häusliche Gewalt, so geht es aus Studien des Bundesfamilienministeriums hervor. 27 Prozent der betroffenen Frauen tragen gar schwere bis lebensbedrohliche körperliche Verletzungen davon. Herkunft, höhere Bildung oder sozialer Status haben auf häusliche Gewalt kaum Einfluss: Zwei Drittel der Täter leben in Haushalten mit mittlerem bis hohem Einkommen. Knapp 40 Prozent der betroffenen Frauen hatten ein Abitur oder einen Hochschulabschluss. Das Spektrum der betroffenen Frauen ist also relativ groß. Was die Täter gemeinsam haben: Sie sind zu fast 100 Prozent Männer.

Und es gibt noch etwas, über das offener geredet werden muss: Die Rolle der Frau im Islam. Der Islam sei frauenfeindlich, heißt es immer wieder. Das ist gefährlich, weil es die verschiedenen Spielarten des Islam über einen Kamm schert. So ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf allerdings auch nicht. Nur betrifft der Zusammenhang zwischen Sexismus und Religion nicht nur den Islam. Die Rolle der Frau in den abrahamitischen Glaubensrichtungen, also im Christen- und Judentum sowie im Islam lässt sich gut an der Schöpfungsgeschichte, die diese drei Religionen teilen, aufschlüsseln.

Die Kurzversion der Schöpfungsgeschichte lautet in etwa so: Ein männlicher Gott schafft aus der Rippe des irdischen Mannes die Frau. Im Alten Testament, das auch auf die islamische Lehre starken Einfluss nahm, wird die Frau dann in der Erzählung von Adam und Eva selbst zu Sünde, sie bringt das Verderben über die Menschheit. Der weiblichen Sexualität lastet ab diesem Zeitpunkt etwas unreines an. Im weiteren Verlauf der abrahamitischen religiösen Erzählungen fällt der Frau einzig die Rolle der Gebärmaschine zu, die männliche Propheten hervorbringt. Die monotheistischen Herrschergott-Religionen sind, wenn nicht teils Ursache des Sexismus, wenigstens dessen metaphysische Rechtfertigung.

I´m a Barbie-Girl? Spiegelbild sexistischer Zuschreibungen
I´m a Barbie-Girl? Spiegelbild sexistischer Zuschreibungen

Auf der Verachtung der Frau und ihrer Sexualität im Monotheismus baut eine Kultur auf, in der Frauen Besitz „ihrer“ Männer sind. Die Gesellschaft des Mannes degradiert Frauen zu Lustobjekten und Befehlsempfängerinnen . Auch in Mitteleuropa ist diese Kultur noch spürbar, auch wenn sie im modernen Kapitalismus gesellschaftlich weniger offen, weniger greifbar ist. Der Sexismus zeigt sich hier auf dem Arbeitsmarkt, wo Frauen oft die Drecksarbeit machen oder schlechter verdienen als ihre männlichen Kollegen. Er zeigt sich in der Öffentlichkeit durch die Zurschaustellung weiblicher Körper, die Frauen zu Objekten macht. Im modernen Kapitalismus wird auch der weibliche Körper zur Ware. Die Liste der sexistischen Beleidigungen, der Geringschätzungen und Verniedlichungen ließe sich endlos weiterführen.

Am Kölner Hauptbahnhof hat sich der Sexismus von einer direkteren Seite gezeigt: In Form von offener Bedrängung, Anfeindung und Gewalt. Diese Gewalt ist die Spitze des Eisbergs, der gesellschaftliche Sexismus, dem sie entspringt, reicht tiefer. Auch in der deutschen Gesellschaft. Auch darüber müssen wir reden.

Von Anselm Schindler
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