Zu den Übergriffen in Köln

Sexuelle Übergriffe haben nichts mit Migration oder Grenzen zu tun. Sie sind Produkt einer weltweiten Vergewaltigungskultur. Und die muss weg.

Schwirrt eine Schlagzeile erst einmal im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung herum, dann bleibt sie. Auch wenn sie sich im Nachhinein als falsch herausstellt. Und die ersten Schlagzeilen zu den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln lesen sich so: 1000 nordafrikanisch aussehende Männer fallen über Frauen her. Richtig ist: Aus einer Gruppe von 1000 feiernden Personen heraus wurden Frauen von – laut Polizeiangaben – 80 bis 100 Männern bedrängt und angegangen. Ob die Täter einen Migrationshintergrund hatten oder Flüchtlinge waren ist bislang nicht bekannt, die Opfer der Übergriffe beschreiben das Aussehen der Täter als nordafrikanisch und arabisch. Pegida & Co ist das freilich egal. Ausländer halt.

Unzählige Male wurden in der Vergangenheit Gerüchte über von Flüchtlingen begangene Vergewaltigungen und Einbrüche in die Welt gesetzt, die sich im Nachhinein immer wieder als gezielt Verbreitete Falschmeldungen herausstellten. Es verhält sich hier ähnlich wie beim Antisemitismus. Wurde etwas oft genug wiederholt, denken irgendwann alle: “Irgendwas wird schon dran sein”. Eines ist klar: Auch Flüchtlinge sind sexuell übergriffig und vergewaltigen. Flüchtlinge sind keine besseren Menschen. Nur weil sie selbst Opfer von Krieg, Armut und Unterdrückung sind, heißt das nicht, das diese Menschen nicht auch Täter sein können. Auch Flüchtlinge sind vor allem Produkt der Gesellschaft, in der sie sozialisiert sind. Und weltweit finden wir – man muss es leider so nennen – eine Vergewaltigungskultur vor, in der Frauen bevormundet, bedrängt und ausgebeutet werden.

Auch in Deutschland ist es nicht allzu lange her, dass Frauen ihren Mann fragen mussten, ob sie arbeiten dürfen, dass Frauen zwangsverheiratet wurden und Gewalt gegen Frauen im Haushalt legal war. Und in großen Teilen Europas ist auch das Wahlrecht für Frauen ein Recht, das erst in der jüngeren Vergangenheit erkämpft wurde. Noch heute gibt es gesellschaftlich elementare Aufgaben, auf die, trotz ihrer Wichtigkeit, herabgeschaut wird. Es sind vor allem Arbeiten, die von Frauen erledigt werden. Hausarbeit und Kindererziehung gehören dazu. Im kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis kommen Frauen besonders schlecht weg: Entweder sie erledigen Arbeiten, die gar nicht als Arbeit anerkannt, und deshalb nicht bezahlt werden und sind deshalb von „ihren“ Männern abhängig, oder sie erledigen mies bezahlte Jobs im Fürsorge-Bereich, etwas anderes wird ihnen von vielen Männern oft auch gar nicht zugetraut.

Erstaunlich ist, wer sich angesichts der möglicherweise von Flüchtlingen begangenen sexuellen Übergriffe nun zu Wort meldet. Teils sind es dieselben Rechtsoffenen und Konservativen, die sonst gegen den “Gender-Wahn” und die “Homo-Lobby” hetzen und Frauen im Minirock vorwerfen, sie seien selbst schuld, wenn sie vergewaltigt werden. Es sind die Leute, die die Frauen gerne wieder im patriarchalen Käfig der Kleinfamilie, also hinter dem Herd sehen würden. Diejenigen, denen die Rechte von Frauen sonst egal sind. Es geht ihnen nicht um Frauenrechte. Weil sie im Bierzelt alle Augen zudrücken, wenn Frauen bedrängt werden, weil sie im Gedränge auch gerne selbst mal an einen Arsch fassen.

Was ist die Antwort?
Was ist die Antwort?

Wie oft wurden Berichte von Frauen laut, die im Kölner Karneval von Horden besoffener Männer bedrängt, sexuell belästigt und vergewaltigt wurden? Oder beim Münchner Oktoberfest? Ach, da ist es ja nur Spaß. Diejenigen, die sonst auf Frauenrechte spucken und jetzt schreien, wenn diese Rechte von Flüchtlingen und Migranten verletzt werden, sind Rassisten. Weil es ihnen nicht um die Tat geht, sondern um die Herkunft der Täter. Und die Medien, die diesen Leuten mit den passenden reißerischen und unsachlichen Schlagzeilen in die Hände spielen, sind mindestens dumm. Mindestens dumm ist es auch, angesichts der sexuellen Übergriffe in Köln wieder “Grenzen zu” zu krakelen. Selbst wenn man alle Sexisten Deutschlands abschieben würde, geholfen wäre damit niemandem. Gelöst werden Probleme nicht dadurch, dass man sie verschiebt.

Aber was dann tun? Das müssen die von Übergriffen und Sexismus betroffenen, also vor allem die Frauen, selbst entscheiden. Wer jetzt wieder nach dem Staat und seinem Gesetzbuch schreit macht es sich zu einfach. Sexismus und Vergewaltigungen sind ein gesellschaftliches Problem. Das auch von der Gesellschaft gelöst werden muss. Frauenrechte müssen offensiv vertreten werden, auch gegenüber Menschen, die aus anderen Ländern nach Europa kommen. Authentisch kann das aber nur sein, wenn man erst einmal vor der eigenen Haustüre kehrt.

von Anselm Schindler
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2 Gedanken zu “Zu den Übergriffen in Köln

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