Der Bumerang-Effekt

Das islamistische Massaker von Paris ist auch Ergebnis jahrzehntelanger  Durchsetzung westlicher Interessen im Nahen Osten. Ein entschlossener Kampf gegen den IS setzt dieses Eingeständnis voraus.

Von Anselm Schindler

Paris: Immer wieder Paris. Es ist in diesem Jahr bereits der zweite blutige Anschlag in der französischen Millionenmetropole. Es geht nicht darum zu relativieren oder zu rechtfertigen: Doch wer das jüngste islamistische Massaker in Paris nur als Antwort auf die Bombardements der französischen Luftwaffe auf Stellungen des Islamischen Staates in Syrien reduziert, erzählt nur die halbe Geschichte. Den Teil der Geschichte, bei dem Frankreich und der Westen gut weg kommen. Der Aufstieg des Islamismus im Nahen Osten ist aber auch Produkt der Interventionen westlicher Industriestaaten.

Die Metapher des Bumerangs drängt sich förmlich auf: Das Chaos, das westliche Machtblöcke im Nahen Osten hinterlassen haben trifft nun das Herz Europas. Napoleon Bonaparte fällt 1798 in mit seiner Grande Armée in Kairo ein. Die französischen Soldaten brandschatzen, vergewaltigen und morden. „Die Franzosen  kennen keine Kultur“ notiert der Großmufti von Kairo in diesen Tagen. Seit den Kreuzzügen ist es das erste Aufeinander-Prallen von Morgen- und Abendland, ein Schock für die muslimische Welt. Es ist der Beginn, der Kolonialisierung des Nahen Ostens, der Versuch, der islamischen Welt gesellschaftliche und ökonomische Formate aufzuzwingen.

Im ersten Weltkrieg wird das Osmanische Reich, welches seit dem 13. Jahrhundert den Nahen Osten beherrscht, von Frankreich und England besiegt. Wir schreiben das Jahr 1918, Engländer und Franzosen haben es in den vergangenen Jahren geschickt geschafft, Ethnien und Kulturkreise gegeneinander auszuspielen, was bis heute nachwirkt. Der kurdischen Minderheit hat man auf osmanischem Territorium einen eigenen Staat versprochen, genauso den Armenier_innen. Mit arabischen Herrschern werden Verträge geschlossen, für den Kampf gegen die Osmanen verspricht ihnen England ein großarabisches Reich. Doch als die arabischen Armeen Damaskus erreichen, da haben Engländer und Franzosen den Nahen Osten längst mittels Geheimverträgen unter sich aufgeteilt. Es ist der letzte Kreuzzug, so zumindest wurde die Einflussnahme durch den Westen nach dem ersten Weltkrieg in Teilen der islamischen Welt aufgefasst. Es ist ein Kreuzzug, der bis heute nachwirkt, seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches gerät der Nahe Osten mehr und mehr zum Spielball wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen.

Die Gründung des modernen syrischen Staates durch Frankreich und die Schaffung des irakischen Staates durch die britische Mandatsmacht markiert nach dem Ende des Ersten Weltkrieges den Beginn der Zerstückelung der arabischen Welt unter westlichem Einfluss. Der Staatengründung gingen vor Allem ökonomische Interessen voraus, diese Erkenntnis lässt sich an der Geschichte des Irak ganz gut ablesen. Der Irak entsteht 1920 aus der Zusammenlegung der drei osmanischen Provinzen Bagdad Mossul und Basra. Es sind Provinzen, die reich sind an Bodenschätzen. 1929 wird die Iraq Petroleum Company gegründet, sie zahlt kaum Konzessionsgebühren und gehört vollständig nicht-irakischen Unternehmen. Wie mit einem Lineal teilen die Siegermächte Frankreich und England die Mandatsgebiete unter sich auf.

Ausbau einer Pipeline der Iraq Petroleum Company im Jahr 1930. Foto: wikimedia.org
Ausbau einer Pipeline der Iraq Petroleum Company im Jahr 1930. Foto: wikimedia.org

Es ist kein Zufall, dass der IS auch mit der Forderung nach einer Aufhebung der durch die Siegermächte gezogenen künstlichen Grenze zwischen Irak und Syrien Mitglieder hinzugewinnt. Dieses Ziel ist nicht neu: In den 60 ́er und 70 ́er Jahren war es vor allem der baathistische Panarabismus, eine arabisch-nationalistische und antikoloniale Strömung, die angetreten war, um die arabische Welt im Kampf gegen den Imperialismus zu einigen. Unter autoritären sozialistischen Vorzeichen wurde auch versucht, der ökonomischen Ausbeutung des arabischen Raumes entgegenzutreten, 1972 verstaatlichte die irakische Baath-Partei die Iraq Petroleum Company. Das Scheitern des autoritären panarabischen Projektes eines geschlossenen arabischen Machtblocks, das auch auf westliche Einflussnahme zurückzuführen ist, rächt sich nun unter islamistischen Vorzeichen. Auch so lässt sich der Aufstieg des IS-Terrors analysieren.

Mit den beiden Golfkriegen der USA gegen den Irak 1991 und 2003, die auch den irakischen Baathismus entmachteten, setzt sich die Destabilisierung des Nahen
Ostens fort. Und auch hier werden religiöse Konflikte verstärkt, die USA bedienen sich eines Bündnisses mit den Schiiten des Iraks, die sunnitische Minderheit wird aus der Regierung und aus den wichtigen Ämtern verdrängt und unterdrückt. Auch in Syrien herrscht zu diesem Zeitpunkt seit Jahrzehnten die Minderheit der Alawiten über eine sunnitische Bevölkerungsmehrheit, das Regime des Assad-Klans wird lange Zeit von westlichen Regierungen hofiert. Mit der Entstehung des IS tritt eine sunnitische Kraft auf den Plan, die ihren sunnitischen Glaubensbrüdern verspricht, sie zu alter Größe zurückzuführen, um die islamische Welt zu einen. Im von Kriegen zerrütteten Nahen Osten gerinnt der einstige säkulare antiimperialistische Kampf gegen den Einfluss westlicher Industriestaaten zu einem, von religiösem Wahn vorangetriebenen Monster, dessen Barbarei nun auch die Metropolen Europas erreicht.

Es schmälert nicht das Gedenken an all die unschuldigen Menschen, die in der Hölle von Paris ihr Leben lassen mussten, wenn sich Europa eingesteht, dass es das Chaos im Nahen Osten mit zu verschulden hat. Und damit den Boden für islamistischen Terror ebnete. Dieses Eingeständnis wäre die Grundlage für einen ehrlichen und entschlossenen internationaler Kampf gegen den IS, jenseits von westlichen Partikularinteressen.

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