Szenen des Bürgerkrieges

Ein aufgeregtes Klappern, Rasseln und Rattern tönt durch eines der Viertel der kurdisch-türkischen Stadt Amed (türkisch Diyabakir). Die Menschen versammeln sich auf ihren Balkonen und in den Straßen. Sie trommeln auf Töpfe,Teller und hämmern gegen Garagentore. Die Sonne geht gerade unter und an den schlecht verputzten Wänden an der Hauptstraße flackert der Schein brennender Barrikaden. Eine Handvoll mit Tüchern und behelfsmäßig mit T-Shirts vermummter Jugendlicher hat einen Straßenzug unter ihre Kontrolle gebracht.

Jede Nacht brennen in Amed (türkisch Diyabakir) die Barrikaden. Foto: muscovado
Jede Nacht brennen in Amed (türkisch Diyabakir) die Barrikaden. Foto: muscovado

Die Anwohner_innen versammeln sich hinter den wackeligen Barrikaden, die aus allem aufgetürmt werden, was herumliegt. Einige Jugendliche zerschmettern Steinplatten am Boden – Munitionsgewinnung. Die nächste Polizeistation ist nur 100 Meter entfernt. Jeder weiß, dass die Barrikaden den Panzerfahrzeugen des Staates nichts entgegenzusetzen haben, doch die Wut treibt die Menschen trotzdem auf die Straßen. Immer wieder hallt eine Parole durch die dunklen Gassen: „Bijî Berxwedana Cizîre!“ – „Es lebe der Widerstand in Cizîr!“

Sechs Tage schon ist die kleine Stadt Cizîr (türk. Cizre) zum Zeitpunkt des Geschehens durch das türkische Militär und die Polizei belagert. In der Stadt liefern sich PKK und die Armee seit Tagen schwere Gefechte. Die Lebensmittel neigen sich dem Ende zu. Tote Zivilist_innen liegen auf den Straßen und Verletzte können nicht behandelt werden – es gilt eine Ausgangssperre. Wer trotzdem auf die Straße geht wird von Scharfschützen des türkischen Militärs hingerichtet, die auf den Minaretten der Stadt lauern. Mit dem Belagerungszustand versucht der türkische Staat die PKK aus der Stadt zu vertreiben. Doch die Gerilla schlägt sich wacker, der Rückhalt in der Bevölkerung ist groß: In einem Tunnelsystem können sich die Kämpfer_innen der Arbeiterpartei Kurdistans von Haus zu Haus bewegen. Seit der Belagerung kommt es vor allem in den kurdischen Teilen der Türkei immer wieder zu Ausschreitungen. Die Bomben- und Raketenangriffe der Armee und die Gegenaktionen bewaffneter linker kurdischer und türkischer Einheiten haben ein Ausmaß angenommen, bei dem von Bürgerkrieg die Rede sein kann. Längst kursiert auf Twitter der hashtag „civil war“. In Städten wie Amed knallt es inzwischen jede Nacht.

Foto: muscovado
Foto: muscovado

„Bijî Berxwedana – !“, plötzlich verstummen die Parolen hinter der Barrikade. Nur das Knistern des Feuers ist noch zu hören. Angespannt starren alle in Richtung Polizeistation. Ein Schuss durchbricht die Stille der Nacht. Tränengaskanister sausen zischend hinter der Barrikade nieder. Die Menschen flüchten sich in eine kleine Seitengasse, als mächtige Detonationen die Fenster beben lassen. Die Jugendlichen versuchen die angreifenden Polizeikräfte durch einfache, selbst gebastelte Granaten zu stoppen. Ungebremst durchbrechen die Panzerfahrzeuge die Barrikaden. Gasse um Gasse, Haus um Haus hüllt sich alles in beißenden Tränengas-Nebel. Vom Himmel tönt das dumpfe Knattern von Hubschraubern. Über die Dächer rauschen mit ohrenbetäubenden Lärm Kampfjets hinweg. Von Ameds Militärflughafen starten sie in Richtung Südosten. Nach, Cizîr,Gever und Kandil.

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