„Die PKK ist das Volk“

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Mit Barrikaden schützt die Bevölkerung die selbstverwalteten Viertel vor dem staatlichen Terror. Foto: muscovado

Die Straßen von Gever (türkisch Yüksekova) im äußersten Südosten der Türkei zeugen von den Gefechten zwischen dem türkischen Staat und den Selbstverteidigungskräften der Bevölkerung. Patronenhülsen liegen auf den Gehwegen verteilt, an machen Stellen klebt Blut an den Pflastersteinen. Seit einigen Tagen ist es wieder ruhiger in Gever, alles scheint wie gewohnt zu laufen, in den vielen kleinen Läden und vor den Teehäusern tummeln sich die Menschen. Doch sobald die Sonne untergeht kreisen Hubschrauber über der Stadt, es fallen Schüsse. Abseits des Stadtzentrums von Gever, das sich unter Kontrolle des türkischen Staates befindet türmen sich in den Seitenstraßen die Barrikaden. Errichtet wurden sie in den vergangenen Wochen durch die Bevölkerung. Als das türkische Militär in die Stadtteile einrücken wollte, rissen die Einwohner_innen die Pflastersteine aus den Straßen um Schutzwälle zu errichten.  In manchen der Barrikaden sind Sprengsätze versteckt, oft wurden sie aus einfachsten Mitteln wie Gaskartuschen hergestellt. Sie sind das letzte Mittel der Verteidigung, wenn die Panzerfahrzeuge des Staates nicht anders aufgehalten werden können. „Panser“ nennen die Menschen in der Stadt das Kriegsgerät, in Anlehnung an das deutsche Wort Panzer. Denn viele der Waffen stammen aus deutschen Fabriken. „Mit euren Fahrzeugen bringen sie uns hier um“, schimpft ein junger Mann und deutet in eine Seitenstraße, in der sich die türkische Polizei und das Militär in Stellung gebracht hat. Der Lauf der Geschütze ist auf die belebte Hauptstraße gerichtet.

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Geht man durch die Straßen Gevers, so wird schnell deutlich auf wessen Seite die Bevölkerung steht. Foto: muscovado

Nach den vergangenen Parlamentswahlen, in denen die rechtskonservative AKP massiv Stimmen einbüßte, kündigte der Staat den einseitigen Waffenstillstand seitens der kurdischen Arbeiterpartei PKK auf. In überwiegend von Kurd_innen bewohnten Städten im Südosten der Türkei griff der Staat die seit Jahren aufgebauten Selbstverwaltungsstrukturen der kurdischen Bevölkerung an. Tausende Menschen wurden verschleppt und inhaftiert. Und während Staatspräsident Recep Tayip Erdoĝan die angeblich erfolgreichen Attacken auf PKK-Stellungen in den Medien feiern ließ, trafen Bomben und Raketen vor allem Zivilist_innen.

Aufgrund der Angriffe erklärte die Bevölkerung in vielen kurdischen Städten ihre Unabhängigkeit vom türkischen Staat. Die basisdemokratischen Volksräte, die schon seit Jahren aus dem Untergrund heraus Strukturen aufbauten übernahmen die Geschicke in der Stadt. Inmitten des wieder aufflammenden Bürgerkrieges „wollen wir die Ideale der kurdischen Befreiungsbewegung umsetzen“, wie eine junge Frau einer aufständischen Jugendorganisation berichtet. Ihren Namen will sie aus Angst vor staatlichen Repressionen nicht in der Zeitung lesen. Mit „Ideale“ meint sie die vom inhaftierten PKK-Mitbegründer Abdullah Öcalan entwickelte Losung des demokratischen Konföderalismus, der anders als noch in den 80´er Jahren den Nationalstaat ablehnt.

Die vermeintlich Ruhe in der Stadt wirkt drückend, es herrscht eine Art Belagerungszustand. Erst vor drei Tagen schallte es durch die Straßen, „Sehid namirin!“ – „die Märtyrer_innen sind unsterblich“. Tausende Menschen erwiesen Ali Kaval die letzte Ehre.

„Sehid namirin!“ hallt es durch die Straßen, „die Märtyrer_innen sind unsterblich“
„Sehid namirin!“ hallt es durch die Straßen, „die Märtyrer_innen sind unsterblich“. Foto: muscovado

Der junge Mann fiel den Kugeln der türkischen Polizei ausgerechnet in der Nacht zum 1. September zum Opfer, dem internationalen Weltfriedenstag. Vier Kugeln trafen ihn in Beine, Brust und Kopf. Die Szenerie glich einer Hinrichtung, wie Augenzeug_innen berichten. Bewaffnet war er nicht, die Schüsse trafen ihn aus einem Militärfahrzeug. Er war nicht der einzige Zivilist, der in den letzten Tagen sein Leben lassen musste: Neun Menschen wurden in den letzten Tagen von türkischen Sicherheitskräften getötet, manche der Opfer trafen die Kugeln während sie schliefen. Regelmäßig ziehen Beerdigungsprozessionen durch die Straßen, die Menschen schreien sich die Wut aus dem Bauch, unzählige PKK-Fahnen flattern im Wind. Auch zu hören ist die Parole „PKK Halktir, Halk burada“, was so viel bedeutet wie: „Die PKK ist das Volk und das Volk ist hier“. Schnell wird deutlich, hinter wem die Bevölkerung steht. „Europa muss endlich handeln“, sagt die Mutter eines der Gefallenen, mit fast flehendem Tonfall. Wie es aussieht wird sie wohl weiterhin enttäuscht werden.

Denn aus Europa kommt zwar immer wieder Kritik an Staatschef Erdoĝan. Aber berichtet wird kaum über die Geschehnisse in den kurdischen Teilen des Landes. Und wenn berichtet wird, übernehmen viele Medien die Berichterstattung türkischer staatlicher Presseorgane. Und die berichten einseitig: So wird beispielsweise behauptet, dass die Raketen, die in den vergangenen Wochen immer wieder auf Gever niederprasselten, von der kurdischen Guerilla PKK abgefeuert worden seien. Doch fragt man die Menschen, deren Häuser und Existenzgrundlage durch die

Von Raketen des türkischen Staates zerstörtes Haus. Foto: muscovado
Von Raketen des türkischen Staates zerstörtes Haus. Foto: muscovado

Raketen zerstört wurden, hört man etwas ganz anderes: „Der Beschuss kam aus einem 15 Kilometer entfernten Militärstützpunkt“, erklärt der Bewohner eines völlig ausgebrannten Hauses. Wirft man einen Blick in die Bauten, deren Wände von schwerem Beschuss zeugen, so wird deutlich, dass die Angriffe auf die Zivilbevölkerung mit Raketen nicht das einzige Kriegsverbrechen sind, welche dieser Tage begangen wurde. „Kriegsverbrechen“, das ist auch das Vokabular, das von Seiten der linken kurdisch-türkischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) inzwischen verwendet wird. Zahllose Fenster und Wände sind durchlöchert von den Kugeln, abgefeuert aus Helikoptern der türkischen Armee.

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