„Da geht es um mehr als Asche!“

Seit Anfang der Woche streiken die Zugführer_innen, die Gründe sind vielfältig, der Tarifstreit komplex. muscovado-Redakteur Anselm Schindler hat sich mit einem streikenden Lokführer unterhalten und versucht, im Arbeitskampf den Überblick zu behalten.

„Wir machen uns hier nicht gerade beliebt“, sagt Markus und streicht sich durch die ergrauten Haare. Und es stimmt, die Pasant_innen, die an Markus und seinen Zugführerkollegen vorbeihasten, werfen den Bahnmitarbeitern teils ärgerliche Blicke zu oder schütteln stumm den Kopf. Ein Grüppchen von Lokführern steht an diesem Donnerstagnachmittag am östlichen Ausgang des Münchner Hauptbahnhofs. Sie tragen Streikwesten der GDL (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer): In diesen Tagen ist das fast schon eine Mutprobe. Reihum haben sich Wutbürger_innen und Springerpresse darauf eingeschossen, verbal auf den „Bahnsinnigen“ (Bildzeitung) herumzutrampeln, ganz so als würde gestreikt, nur um Fahrgäste zu verärgern.

Die GDL zeigt den Deutschen wie man richtig streikt. Foto: privat

„Glauben sie mir, mir macht das auch keinen Spaß, hier so dumm rum zu stehen und von allen schief angeschaut zu werden“, schimpft Lokomotivführer Markus. Seinen vollen Namen will er nicht angeben. „Doch was bleibt uns anderes übrig?“, fragt er. Naja, nicht zu streiken, könnten böse Zungen an dieser Stelle erwidern. Doch stimmt das auch? Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

„Da geht es um mehr als Asche“, beteuert Bahn-Mitarbeiter Markus. „Es geht auch um Gewerkschaftsfreiheit!“.

Dazu muss man verstehen: Die Lokfürher_innen werden von zwei konkurrierenden Gewerkschaften vertreten. Die GDL, in welcher 16.000, also die Mehrheit der 25.000 Triebfahrezeugführer_innen der Deutschen Bahn organisiert sind, konkurriert mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Diese vertritt die Mehrheit der Bahnangestellten, nach eigenen Angaben rund 210.000 Menschen. Die GDL ist, auch wenn ihr die Mehrheit der Lokomotivführer angehört, die weit kleinere Gewerkschaft, sie umfasst nur rund 34.000 Menschen.

Die EVG wird von der GDL gerne als „Hausgewerkschaft“ der Deutschen Bahn bezeichnet, GDL-Chef Claus Weselsky sieht in ihr den zahnlosen Schoßhund der DB-Unternehmensführung. Beide Gewerkschaften wollen unabhängig voneinander Tarifverträge aushandeln, in denen all ihre Mitglieder repräsentiert sind. Die Deutsche Bahn will jedoch unterschiedliche Regelungen innerhalb einer Berufsgruppe verhindern. Die GDL wirft der Bahn vor, durch die Forderung nach inhaltsgleichen Abschlüssen ihr Recht auf Tariffreiheit zu beschneiden. Und die GDL kämpft hier nicht zuletzt auch gegen die Zeit: Am 10. Juli soll der Bundesrat über ein Gesetz abstimmen, das viele kleinere Gewerkschaften künftig stark einschränken könnte: Das Tarifeinheitsgesetz. Kommt es durch, dann könnte es künftig den je mitgliederstärksten Gewerkschaften eines Betriebes vorbehalten sein, Abschlüsse auszuhandeln. Für Markus ist das ein „Generalangriff auf die Gewerkschaftsbewegung.“ Die GDL träfe eine solche Gesetzesveränderung hart, ist sie der EVG doch an Größe deutlich unterlegen. Dabei ist sie eine der wenigen Arbeitnehmer_innen-Vertretungen, die noch die Möglichkeit hat, „ordentlich“ zu streiken, wie Markus es nennt. Denn in der Industrie gehören die großen Arbeitskämpfe längst der Vergangenheit an, wenn die heimischen Arbeiter_innen zu viel mucken, wird eben ausgelagert. Züge aber lassen sich nicht auslagern.

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Seit Streikbeginn sind die Sachbeschädigungen an Zügen stark angestiegen. Denn viele Züge stehen nachts unbewacht auf den Abstellgleisen. Foto: privat

Die Bahn will eine Tarifkonkurrenz zwischen den beiden Gewerkschaften tunlichst vermeiden, fürchtet eine Zunahme von Streiks. Und befürchtet, dass die Gewerkschaften ihre Forderungen immer höher schrauben, um ein besseres Ergebnis als die Konkurrenz-Gewerkschaft zu erzielen. Für die Beschäftigten einer Berufsgruppe sollen – geht es nach der Unternehmensleitung – die selben Bedingungen gelten. Bei Wochenstunden, Urlaubstagen und Löhnen. Die GDL will das Gegenteil erreichen: Sie will selbstständig verhandeln können. Und hat den Anspruch das für das gesamte Zugpersonal, also auch die teils in der EVG organisierten 9000 Zugbegleiter_innen, Gastronom_innen der Speisewägen und andere Berufsgruppen zu tun.

Die Forderungen der EVG sind der GDL zu lasch, damit macht sie sich zum Hassobjekt der DB-Führung. Doch Zugführer Markus, der seit seinem Berufseinstieg in der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer organisiert ist, steht hinter den Forderungen. Er findet: „Es ist das gute Recht der GDL, für ihre Mitarbeiter einzustehen.“ In Deutschland gelte schließlich immer noch die grundgesetzlich festgeschriebene Gewerkschaftsfreiheit. Und daran müsse sich auch die Deutsche Bahn halten. „Denen geht es doch nur darum, dass sie jetzt mal eine Gewerkschaft vor der Nase haben, die ordentlich Druck macht“, ist Markus überzeugt. Und er ist auch überzeugt, dass dieser Druck notwendig ist: „Schauen sie sich doch an, wie die Reallöhne in den letzten Jahren gelitten haben! Vor allem im Vergleich zu anderen Ländern in Europa! Deutschland konnte die Griechen nur nieder-konkurrieren, weil es den Gürtel bei den eigenen Arbeitern und Angestellten so eng geschnallt hat. Und das, obwohl die Unternehmen dicke Gewinne gemacht haben.“

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Streikende Lokführer am Münchner Hauptbahnhof. Foto: Anselm Schindler

Deutschland liegt bei den durchschnittlichen Streik-Tagen im EU-Durchschnitt ganz hinten. „Vor allem, weil unsere Gewerkschaften so kuschen“, erklärt das Markus mit einem ärgerlichen Kopfschütteln. „Dabei ist doch erwiesen: Je mehr gestreikt wird, desto mehr steigt der Reallohn“. Und der Streik der GDL hat gerade in diesen Wochen Signalwirkung, denn auch in vielen anderen Branchen werden derzeit Tarifverhandlungen geführt.

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